Teil eines Werkes 
2. Band (1826)
Entstehung
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nen, den Schlummer der Verehrten zu bewa⸗ chen; vergebens riethen ihr dieſe, den verwein⸗ ten Augen Ruhe zu gonnen; ſie dachte an kei⸗ nen Schlaf; alle ihre Sinne wachten, trotz der durchſeufzten und durchweinten Tage, lebendiger wie jes eine heftige Sehnſucht, den todten Ado⸗ lar zu ſehen, ihm nahe zu ſeyn, erfullte ihre Bruſt. Sie huͤtete ſich indeſſen, ihren heißen Wunſch gegen irgend Jemand zu verrathen, und doch beſchäftigte ſie ſich insgeheim mit dem Ge⸗ danken, wie er zu erfuͤllen ſei. Als der Schlaf Caͤciliens immer feſter und ruhiger

wurde, ſchien ſie endlich den freundlichen über⸗

redungen der Nonne Angelika Gehoͤr zu ge⸗ benz ſie entfernte ſich leiſe aus der Zelle; aber nicht um ſich nach der ihrigen zu begeben, nein, ſie wandelte vielmehr geraͤuſchlos durch die brei⸗ ten Kreuzgaͤnge, die, wie ausgeſtorben, nur der leiſe Schall ihrer Tritke belebte, hinab in den unteren Raum des Kloſters. Dort, wußte ſie, lag unfern dem Eingange zur Kirche die Tod⸗ tenkammer, in welcher, wie ſie vermuthete, der Leichnam ihres Freundes lag. Obgleich nichts daruͤber in Cäciliens Zelle geſprochen war, ſo war es Joſephen doch, als haͤtte man es ihr geſagt; ein mächtiger geheimer Zug rieß ſie un⸗ widerſtehlich dahin. Vorſichtig druͤckte ſie an M2