126
An Voctor Ludwig. Mein lieber Doctor!
London iſt mir im eigentlichen Sinne des Wortes neu ge⸗ worden; neu in ſeinen Gaſſen, Häuſern und ſelbſt in ſeiner Lage; der Irländer würde ſagen: London iſt zum Thore hinaus gegangen. Was ich als freies Feld verlaſſen habe, wo man Heu und Korn erntete, das finde ich jetzt mit Straßen, großen Gebäuden, Palä⸗ ſten und Kirchen bedeckt. Man hat mich aus guter Hand verſichert, in dem einzigen Viertel Weſtminſter ſeyen in Zeit von ſieben Jahren eilftauſend neue Häuſer erbaut worden, abgeſehen von allem dem, was dieſer geſchäftigen Hauptſtadt in andern Theilen täglich zuwächst. Pimlico und Knightsbridge hängen nunmehr beinahe ganz mit Chelſea und Kenſington zuſammen, und wenn dieſe Bauwuth noch ein halbes Jahrhundert fortwährt, ſo wird wohl bald die ganze Grafſchaft Middleſer mit Mauerſteinen bedeckt ſeyn.
Zur Ehre unſeres Zeitalters muß man zugeſtehen, daß Lon⸗ don und Weſtminſter jetzt weit beſſer gepflaſtert und beleuchtet ſind, als vordem. Auch ſind die neuangelegten Gaſſen breit, regelmäßig und luftig, die meiſten Häuſer bequem eingerichtet. Die Blackfriarsbrücke iſt ein edles Denkmal des Geſchmacks und der öffentlichen Prachtliebe; es wundert mich nur, wie die Leute auf ein Werk von ſolcher Schönheit und zugleich Nützlichkeit ge⸗ rathen ſind. Allein ungeachtet dieſer Verſchönerung iſt die Haupt⸗ ſtadt dennoch ein ungeheures Monſtrum geworden, das gleich einem Waſſerkopf mit der Zeit den Körper und die äußeren Theile auszehren und ihnen alle Nahrung entziehen wird. Die Abge⸗ ſchmacktheit wird ſich in ihrem vollen Lichte herausſtellen, wenn wir bedenken, daß ein Sechstel von ſämmtlichen Bewohnern die⸗ ſes ganzen großen Königreichs ſich in den Bezirk dieſes Todten⸗ Ackers drängt. Was Wunder, daß unſere Dörfer entvölkert ſind,
—


