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geringſten Tadel ausgeſezt ſeyn könnte. Ich geſtehe es, aus Mangel an Vorſicht und Erfahrung habe ich gerechte Urſache gegeben, mir böſe zu ſeyn. Ich hätte nicht auf das hören ſollen, was der junge Mann ſagte, und es wäre meine FPflicht geweſen, Ihnen Alles mitzutheilen, was zwiſchen uns vorging; allein ich war zu ſcham⸗ haft, es zu erwähnen, und dann betrug er ſich ſo beſcheiden und ehrerbietig, und ſah ſo melancholiſch und blöde aus, daß ich es nicht über's Herz bringen konnte, etwas zu thun, was ihn unglück⸗ lich machen und in Verzweiflung ſtürzen könnte. Was unſern Um⸗ gang betrifft, ſo betheuere ich Ihnen, daß ich ihm niemals auch nur einen Kuß geſtattet habe; die paar Briefe, die wir gewechſelt, ſind alle in meines Oheims Händen, und ich hoffe, es ſteht nichts darin, was gegen die Unſchuld und Ehre iſt. Ich bin noch immer der feſten Ueberzeugung, daß er nicht iſt, was er zu ſeyn ſcheint; aber die Zeit wird es ſchon lehren. Mittlerweile will ich mich beſtreben, eine Verbindung zu vergeſſen, die meiner Familie ſo höchlich mißfällt. Ich habe noch nicht aufgehört zu weinen und noch nichts genoſſen als Thee, ſeit man mich aus Ihrem Hauſe weggebracht hat; auch habe ich auf dieſer Reiſe in drei Tagen und Nächten kein Auge zugethan. Meine Tante fährt noch immer fort, mich mit vieler Strenge auszuſchelten, ſobald wir allein ſind; ich hoffe ſie jedoch mit der Zeit durch meinen Gehorſam und meine Demuth zu beſänftigen. Der Oheim, der im Anfang fürchterlich zornig war, iſt durch meine Betrübniß und Thränen gerührt wor⸗ den und jetzt voll Zärtlichkeit und Mitleid; auch mein Bruder iſt mir wieder gut, da ich ihm verſprochen habe, allen Briefwechſel mit dem armen jungen Menſchen abzubrechen: aber bei aller ihrer Freund⸗ lichkeit kann ich keinen Frieden finden, bis ich weiß, daß auch Sie, meine theuerſte und verehrteſte Frau Pflegemama, verziehen haben Clifton, den 6. April.
Ihrer armen, traurigen, unglücklichen und bis in den Tod
treugehorſamſten Dienerin Lydia Melford.


