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„Liebe Schweſter,“ verſetzte der Hauptmann ſpöttiſch,„dein Stolz ſtellt ihm ein Beiſpiel vor Augen; daher mußt du dir die Folgen von ſeiner Nachahmung gefallen laſſen.“
„Gleichwohl iſt es hart,“ entgegnete die ſchöne Beleidigerin, „wegen eines verzeihlichen Vergehens Zeitlebens zu leiden! Wer ſollte ſich's vorſtellen, daß ein munteres Mädchen, wie⸗ich, mit zehn⸗ tauſend Pfund betteln gehen ſollte? Ich habe nicht übel Luſt, den erſten Beſten zu nehmen, der mich verlangt, um mich an dem ſtarr⸗ föpfigen Grillenfänger zu rächen. Ließ denn der theure Junge die ganze Zeit über, daß er auf freiem Fuß iſt, keine Neigung ſpüren, mich zu ſehen? Nun gut, haſche ich den Flüchtling je wieder, ſo ſoll er mir Zeitlebens in ſeinem Käfig ſingen müſſen!“
Es iſt unmöglich, dem geneigten Leſer einen deutlichen Begriff von Peregrine's Entzücken zu machen, als er dieſe Scherzrede Emi⸗ liens mit anhörte. Kaum war dieſe geſprochen, ſo konnte er den Ungeſtüm ſeiner Leidenſchaft nicht länger zügeln. Er flog aus ſeinem Verſteck hervor, und rief:„Hiermit ergeb' ich mich!“ Allein als er Emilien erblickte, ward er von ihrer Schönheit ſo geblendet, daß ihm die Sprache verſagte. Er blieb unbeweglich, wie eine Bildſäule, ſtehen; Bewunderung hatte alle Kräfte ſeines Körpers und ſeiner Seele verſchlungen. In der That ſtand ſie jetzt in der vollen Blüthe ihrer Reize, und es war faſt unmöglich, ſie ohne Bewegung zu be⸗ trachten. Wie groß mag nun das Entzücken Peregrine's geweſen ſeyn, deſſen Leidenſchaft durch Alles das auf's Höchſte entflammt wurde, was nur ein Menſchenherz zu reizen vermag!
Sophie und Emilie ſchrieen laut auf bei ſeinem Erſcheinen. Emilie gerieth durch daſſelbe ſo in Wallung, daß jeglicher Reiz an ihr mit unwiderſtehlicher Kraft aufblühte; ihre Wangen erglühten vom zarteſten Roth und ihr lilienweiſer Buſen wogte ſich ſo zaube⸗ riſch auf und nieder, daß der Flor ihn nicht verbergen oder zurück⸗ halten konnte. Für Pickle war dieß eine paradieſiſche Viſion.
Indem unſer Held vor unausſprechlicher Wonne faſt ohnmächtig


