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Hundertundneuntes Kapitel.
Pickle verſchafft ſich die reichlichſte Schadloshaltung für alle ihm bisher widerfahrene Kränkungen.
Geoffry, der von ſeiner Schweſter unter dem Vorwande Abſchied genommen hatte, daß er mit Peregrine einen kleinen Ausflug machen müſſe, weil ſeine Geſundheit nach einer ſo langen Gefangenſchaft einer Erholung bedürfte, ließ ihr noch an demſelben Abend ſeine Ankunft melden und zugleich ſagen, daß er am folgenden Morgen bei ihr frühſtücken würde.
Der Hauptmann und unſer Held kleideten ſich zu dem Ende gehörig an, nahmen einen Miethwagen und fuhren nach der Woh⸗ nung der jungen Dame. Dort führte man ſie in ein Vifitenzimmer⸗ das an ein anderes ſtieß, wo der Theetiſch in Bereitſchaft ſtand.
Die beiden Freunde hatten hier nur wenige Minuten gewartet, als ſie Mädchentritte kommen hörten. Unſerem Helden fing das Herz nicht wenig an zu klopfen, und er verbarg ſich auf ſeines Freundes Anrathen hinter einer ſpaniſchen Wand. Als des Letztern Ohren von Sophiens Stimme aus dem nächſten Zimmer begrüßt wurden, ſtürzte er mit vielem Feuer in daſſelbe und genoß auf ihren Lippen die Wonne einer ſo unerwarteten Zuſammenkunft; denn er hatte das liebe Weibchen in ihres Vaters Hauſe zu Windſor gelaſſen.
In ſeinem Entzücken hätte er beinahe Peregrine's Lage vergeſ⸗ ſen, als Emilie ein bezauberndes Weſen annahm und zu ihm ſagte: „Iſt dergleichen Treiben nun wohl ein Anblick für ein junges Mäd⸗ chen, wie ich, die durch den wunderlichen Eigenſinn ihres Liebhabers dazu verdammt iſt, ledig zu bleiben? Lieber Bruder, du haſt mir einen recht üblen Streich geſpielt, daß du jenen Abſtecher mit mei⸗ nem hartnäckigen Correſpondenten begünſtigteſt. Ich vermuthe, dieſer vorüberſchießende Strahl von Freiheit wird ihn ſo bezaubert haben, daß er ſich nicht wird überreden laſſen, für die Zukunft unnöthige Feſſeln zu tragen.“


