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nem Vaterlande zu dienen. Denn dem Himmel ſey Dank, ich habe mich von allen dergleichen Anhänglichkeiten losgemacht, und ſehe mich als einen Menſchen an, der gegen jede Geſellſchaft, wer ſie auch ſeyn mag, ſehr wenig Verbindlichkeiten hat.
„Wiewohl ich mit unumſchränkter Gewalt über die langbeinigen Bürger meines Staats herrſchte, und jedem nach Verdienſt entweder Belohnungen oder Strafen austheilte, ſo machte mich endlich doch meine Lage ungeduldig. Eines Tages behielt meine natürliche Ge⸗ müthsbeſchaffenheit die Oberhand, wie ein lange verhaltenes Feuer. Ich ließ meinen ganzen Grimm an meinen unſchuldigen Unterthanen aus, und in einem Augenblick war das ganze Geſchlecht aufgerieben. Gerade als ich mit dieſem allgemeinen Gemetzel beſchäftigt war, öffnete der Kerkermeiſter, der mir das Eſſen brachte, die Thür. Als er dieſe Ausbrüche der Wuth erblickte, zuckte er die Achſeln, ſetzte meine Ration hin und ging mit den Worten hinaus: Le pauvre diable! la téte lui tourne!
„Kaum hatte ſich meine Wallung gelegt, als ich die Einbildung des Kerkermeiſters zu nutzen beſchloß. Von dieſem Tage an ſtellte ich mich wahnſinnig, und das mit ſo gutem Erfolg, daß ich binnen einem Vierteljahre aus der Baſtille befreit und auf die Galeere ge⸗ ſchickt wurde. Hier, glaubte man, könne mein noch rüſtiger Körper Dienſte thun, wenn gleich meine Seelenkräfte hinfällig geworden wären. Ehe man mich an das Ruder anſchloß, gab man mir drei⸗ hundert Streiche zum Willkommen, um mich geſchmeidiger zu machen, wiewohl ich mich aller Gründe bediente, die nur in meiner Macht ſtanden, um ſie zu überzeugen, ich ſey nur toll bei Nord oder Nord⸗ weſt. Wenn der Wind aus Süden blieſe, könnte ich einen Falken ſehr wohl von einem Kirchthurm unterſcheiden.
Bei unſerer zweiten Kreuzfahrt hatten wir das Glück von einem Sturm überfallen zu werden. Die Ruderſklaven wurden während deſſelben losgeſchloſſen, um zu Erhaltung der Galeere mehr beizutra⸗ gen, und im Fall eines Schiffbruchs ſich durch irgend einen Glücks⸗ fall das Leben retten zu können. Kaum waren wir in Freiheit, als
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