59
viel Verdruß und Pein verurſacht hätten, als das in verwichener Nacht Erlebte, und fügte hinzu, er würde jetzt, wo er im Begriff ſtehe, von der Schönſten aller Schönen ſcheiden zu müſſen, der Ver⸗ zweiflung anheimfallen, wofern ſie, die er ſo namenlos liebe, ihr Mitleid für ihn nicht walten ließe, und ihm eine Gelegenheit ver⸗ ſchaffe, die wenigen Tage, welche häusliche Angelegenheiten ihm in Brüſſel zuzubringen erlaubten, zu ihren Füßen zu verſeufzen.
Die junge Dame bezeigte mit einem bekümmerten Geſichte, wie leid es ihr thäte, die unſchuldige Urſache ſeines Schmerzens zu ſeyn. Sie hoffte, ſagte ſie, daß das Abenteuer der letzten Nacht eine heil⸗ ſame Warnung für ihre beiden Seelen ſeyn würde. Was ſie anlangte, ſo wäre ſie überzeugt, daß der Himmel ihre Tugend mittelbar ge⸗ ſchützt habe. Was es auch für Eindruck bei ihm gemacht haben möchte, ſo ſey ſie dadurch geſchickt gemacht worden, ihrer Pflicht getreu zu bieiben, von der ihre Leidenſchaft ſie abzuleiten begonnen hätte. Sie bat ihn, ſie um ſeiner eigenen Ruhe willen zu vergeſſen, und gab ihm zu verſtehen, daß weder der Plan, den ſie wegen ihres Betragens gemacht habe, noch die Vorſchriften der Ehre es ihr er⸗ laubten, ſeine Beſuche anzunehmen, noch in irgend einem Verhält⸗ niſſe mit ihm zu ſtehen, ſo lange ſie ſich durch ihr eheliches Gelübde als gebunden anſehen müßte.
Dieſe Erklärung wirkte auf ihren Bewunderer ſo heftig, daß er auf einige Minuten die Sprache verlor. Jedoch kaum hatte er ſie wieder, ſo brach er in Aeußerungen der zügelloſeſten Leidenſchaft aus. Er zieh ſie barbariſcher Grauſamkeit und des äußerſten Kaltſinns, behauptete, ſie habe ihm Vernunft und Seelenruhe ge⸗ raubt, ſagte, er würde ihr bis an das Ende der Welt folgen, würde weit eher ſein Leben laſſen, als ſeine Liebe für ſie, er würde den unſchuldigen Thoren ſeiner Rache opfern, der an alle dieſer Unruhe Schuld ſey, und Jeden ermorden, den er als ein Hinderniß ſeiner Abſichten betrachten müßte. Kurz, ſeine Leidenſchaften, die ſo lange in der höchſten Gährung fortgearbeitet hatten, und der Mangel des


