Teil eines Werkes 
1. Band (1860)
Entstehung
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durch Eigennutz entfremdete Brüder trafen wieder zu⸗ ſammen, wie ſich's für Brüder ziemt, und Schwe⸗ ſtern wechſelten auf's Neue die unſchuldige Vertrau⸗ lichkeit der Kindheit. Für die meiſten Familien war es eine Zeit der Luſt und der Thränen der Luſt für die glücklichen Anweſenden, der Thränen wegen der leeren Plätze, die am heimathlichen Herd ſich nie wieder erſetzen ließen.

Die Mutterliebe iſt das Göttliche im Weſen des Weibes. Reißt dieſes Band, welches die Kinder in herzinniger Umſchlingung zuſammenhält, ſo läßt ſich der Verluſt durch nichts mehr erſetzen; in den mei⸗ ſten Familien geht die Scheidung vom Grab der Mutter aus.

Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Mit Aus⸗ nahme von einigen abgelegenen Landſtrichen iſt Weih⸗

nachten kein Familienfeſt mehr, ſondern nur ein lär⸗

mender Tag des Genuſſes, eine Gelegenheit, Auf⸗ wand zu machen und zur Schau zu ſtellen. Die Gegenwart von Fremden entweiht den Herd und er⸗ niedrigt die Zuſammenkunft zu einer bloſen faſhio⸗ nablen Luſtpartie, ſo daß von dem alten religiöſen Charakter und dem Einfluß auf das ganze Familien⸗ leben keine Rede mehr ſein kann. Den Engeln, welche in der Dämmerung des Chriſtmorgensvom Frieden auf Erden und den Menſchen ein Wohlge⸗ fallen ſangen, dürfte leider bald kein anderes Lied mehr übrig bleiben, als die Klage um das Ent⸗ ſchwundene.

Mit Bedauern müſſen wir bemerken, daß der ſo bald auf Weihnachten folgende Neujahrsabend gleich⸗ falls an Wichtigkeit verloren hat. Die Welt iſt zu