416 Anmerkungen
gruͤndlichen Vorarbeiter folgt, hat den Vortheil, daß er das Muͤh⸗ ſelige ſchon abgethan findet, und er mit friſchem, unermuͤdetem Geiſt oft die Wendung leicht findet, die die Anſtrengung des Flei⸗ ßes verfehlt.
Sehr oft haben die drei Mitarbeiter ſich vereiniget, um ge⸗ meinſam zu verbeſſern und den Ausdruck zu treffen. So nament⸗ lich beim Macbeth, Lear, Timon, Viel Lärmen um Nichts und manchem andern Schauſpiel. Von Liebesleid und Luſt hatte ich ſchon vor vielen Jahren einige Akte uberſetzt, und manches von dieſem fruͤhen Verſuche hat ſetzt noch gebraucht werden konnen; da wir, wenn ein Schauſpiel uͤbertragen war, erſt gemeinſam arbeiteten, ſo kann weder ich, noch einer meiner Freunde, jetzt herausfinden, was und wie viel mir an der Ueberſetzung gehoͤrt und zugeſchrieben werden konne.
Nach der gruͤndlichen Schule, die wir Deutſchen in der Kunſt des ueberſetzens durchgemacht haben, nach allen dieſen Anſtrengun⸗ gen, Muſtern, Uebertreibungen und Kritiken wiſſen wir, ſo ſcheint es, weniger als je, wie man denn üͤberſeten muͤſſe. Manche Ar⸗ beiten großer Autoritaͤten haben es mit tiefſinnigem Fleiß dahin gebracht, daß vor genauer Woͤrtlichkeit Original und Copie ſich nicht mehr ähnlich ſehen. Vieles muß in jeder Ueberſetzung ver⸗ loren gehn, denn der aͤchte Schriftſteller lebt und dichtet ganz in ſeiner Sprache und wird eins mit ihr. Die Sprache ſelbſt iſt ein Individuum, das ſeinen Charakter, Geiſt, Laune, Gemuͤth und eigenthuͤmlichen Humor ausgebildet hat. Es kann alſo nur Sache des feinſten Taktes und des gebildeten Geſchmackes ſeyn, was der aͤchte ueberſetzer mit Bewußtſeyn aufgiebt, um das, was er als das Wahrſte, Nothwendigſte anerkennt, zu retten. Ein ſol⸗ cher ueberſetzer wird Kuͤnſtler und ſelbſt ſchaffender Autor, und ich weiß nicht, ob wir Deutſchen neben Wilh. v. Schlegel einen zweiten nennen koͤnnen, der ſo unbedingt als ein klaſſiſches Vor⸗ bild anzuſehn iſt, deſſen Ueberſetzungen ſich wie Original leſen. Hat er ſich in ſeinen Verdeutſchungen aus den Alten, den Italiaͤ⸗ nern und Spaniern als hoͤchſt vortrefflich erwieſen, ſo war ſeine Ueberſetzung der Werke des Shakeſpear noch mehr als ein Muſter anzuſehn. Der Einfluß, den dieſe Arbeiten meines beruͤhmten Freundes auf deutſche Sprache und Literatur ausgeuͤbt haben, iſt anerkannt und zeigt ſich ſelbſt dem Richtkenner deutlich. Dieſe Arbeit fortzuſetzen, war kein geringes Unternehmen. Ich hoffe, daß mein Freund, Graf Wolf von Baudiſſin, ſo wie jener juͤn⸗ gere Gehuͤlfe nicht unwuͤrdig neben jenem Auserwaͤhlten ſtehn. Dft hat, vorzuͤglich in heitern und witzigen Stellen, in Szenen des Humors und des gemeinen Lebens, um keine Lucke zu laſſen, Graf Baudiſſin mit Laune und geiſtreicher Willkuͤhr einen Scherz für den andern geſetzt: das that ſchon Wieland im Sommernachts⸗ Traum, eigentlich dem einzigen Stuͤck, was dieſer Autor wuͤrdig
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