zum achten Bande. 371
leugnen, dieſe Zwiſchenſzene bringt eine gewiſſe Verwirrung in die Tragoͤdie. Cordelia iſt mit franzoͤſiſchen Truppen gelandet, der Koͤnig hat ſie begleitet, er iſt aber, wegen Unruhen in ſei⸗ nem eignen Lande, zuruͤck gegangen. Shakeſp. vermeidet es ſonſt gefliſſentlich, dergleichen Ereigniſſe, die auf das Gedicht keinen Einfluß haben, zu erwaͤhnen. Auch macht ſich, abgeſehn von allem Coſtüm, welches in Lear ganz willkuͤhrlich iſt, der Marechal de Fer, doch auffallend ſeltſam, um ſo mehr, da er nicht wieder genannt wird. Am meiſten aber erregt es verwirrende Verwun⸗ derung, daß der alte Lear in der Stadt, in Dover iſt. So muß es auch ſeyn, denn ſonſt wuͤrde ihn der getreue Kent nicht ver⸗ laſſen haben, er hat ihn ſelbſt mit Gloſters Huͤlfe dorthin ge⸗ ſchafft. Lear iſt aber ſo beſchaͤmt, daß er die grauſam verſtoßene Jochter nicht ſehn will; er iſt alſo doch im vollen Bewußtſeyn ſeiner Lage und ſeines Unpechts. Nun aber ſehn wir ihn nach einigen Szenen wahnwitzig im Felde umirren. Wie hat ſeine umgebung in der Stadt nur ſo unachtſam ſeyn koͤnnen? Corde⸗ lia ſchilt nachher, als ſie zuerſt auftritt, auf Niemand; es wird auch nicht erwaͤhnt, daß er ſchon einmal in ihrer Naͤhe ge⸗ weſen ſey. Nimmt man nun dieſe Szene aus dem Stuͤck, ſo fallen auch alle jene Fragen und Zweifel hinweg, weil man nicht an ſie erinnert wird. Dieſe umſtaͤnde zuſammen genommen, kann der Dichter wohl ſelbſt dieſe ſchoͤne Szene ſpaͤterhin geſtri⸗ chen haben.
S. 355. Z. 1. v. u.—„ihr Läͤcheln
Und ihre Thraͤnen war wie Fruͤhlingstag.“ Im Original nicht zu verſtehn: her smiles
and tears were like a petter way. Aus way haben die Editoren day gemacht. Dann heißt es: Geduld und Kummer ſtritten, wer ſich am ſchoͤnſten, am ſtärk⸗ ſten zeigte, ihr Laͤcheln und ihre Thraͤnen waren wie der Tag, an dem es regnet und zugleich die Sonne ſcheint, der ſich aber zum Beſſeren, d. h. zum Licht, zur Helle entſcheidet. Im⸗ mer noch geſucht und nicht ganz deutlich. Da die Stelle ſich nur m Quart findet, laͤßt ſich nicht waͤhlen und vergleichen.
S. 357. Vierte Szene. Hier iſt die Beſchreibung des Eintritts nach der Foliv.
S. 362. Lear.„Nein, wegen des Weinens koͤnnen ſie mir nichts thun.“— Die Leſeart der Quart, coyning, wegen des Muͤnzens, die allgemein von Editoren' und Ueberſetzern an⸗ genommen iſt, ſcheint mir ein bloßer Druckfehler fuͤr erying zu ſeyn, wie die Folio das Wort giebt. Es iſt viel natuͤrlicher und ſchoͤner, daß er ſich erinnert, wie viel er uͤber ſein Schickſal geweint hat, wie ſehr ihn Kent ermahnt, ihm ſelbſt in ſeiner Verkleidung als Bauer Vorwuͤrfe gemacht hat. Er faͤhrt auch fort: Natur, ſagt er, iſt darin maͤchtiger, als die Kunſt. Ein Gedanke, der bei Shakſp. oft wiederkehrt; z. B. nach dem Streit des Caſſius mit Brutus. Kunſt, Erzichung lehren uns
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