364 A. IV.
Koͤnig Lear.
Gloſt. Ich ſeh' es fuͤhlend. Lear. Was, biſt du toll?— Kann man doch ſehn, wie es in der Welt hergeht ohne Augen. Schau mit dem Ohr; ſieh, wie jener Richter auf jenen einfaͤltigen Dieb ſchmalt. Horch,— unter uns: den Platz gewechſelt und die Hand wer iſt Richter, wer Dieb? Sahſt du wohl eines auern Hund einen Bettler anbellen?—
Gloſt. Ja, Herr!
Lear. Und der Wicht lief vor dem Koͤter: da konnteſt du das große Bild des Anſehns erblicken; dem Hund im Amt gehorcht man.
Du ſchuft'ger Buͤttel, weg die blut'ge Hand!
Was geißelſt du die Hure? Peitſch dich ſelbſt;
Dich luͤſtet heiß mit ihr zu thun, wofuͤr
Dein Arm ſie ſtäͤupt. Der Wuchrer haͤngt den Gauner: Zerlumptes Kleid laͤßt kleinen Fehl erkennen,
Talar und Pelz birgt alles. Huͤll' in Gold die Suͤnde, Der ſtarke Speer des Rechts bricht harmlos ab;—
In Lumpen,— des Pygmaͤen Halm durchbohrt ſie. Kein Menſch iſt ſuͤndig; keiner, ſag' ich, keiner;
Und ich verbuͤrg' es: denn verſteh', mein Freund,— Wenn ſie des Klaͤgers Mund verſiegeln koͤnnen.— Schaff' Augen dir von Glas,
Und wie Politiker des Poͤbels, thu',
Als ſaͤh'ſt du Dinge, die du doch nicht ſiehſt—— Nun, nun, nun, nun:
Zieht mir die Stiefeln ab!— Staͤrker, ſtaͤrker,— ſo!—
Edg. O tiefer Sinn und Aberwitz gemiſcht!— Vernunft in Tollheit!
Lear. Willſt weinen uͤber mich, nimm meine Augen. Ich kenne dich recht gut, dein Nam' iſt Gloſter:
Gedulde dich, wir kamen weinend an. Du weißt, wenn wir die erſte Luft einathmen, Schrei'n wir und winſeln. Ich will dir pred'gen, horch!—
Gloſt. O welcher Jammer!
Lear. Wir Neugebornen weinen, zu betreten Die große Narrenbuͤhne,— Ein ſchoͤner Hut!—
O feine Kriegsliſt, einen Pferdetrupp
Mit Filz ſo zu beſchuh'n; ich will's verſuchen,
Und komm' ich uͤber dieſe Schwiegerſoͤhne,
Dann ſchlagt ſie todt, todt, todt!— Todt, todt!—


