zum ſiebenten Bande. 373
Droilus und Creſſida.
Dieſe heroiſche Comoͤdie, dieſe tragiſche Parodie iſt unter al⸗ len Werken Shakſpears gewiß das ſeltſamſte. Es ſcheint auch von jeher am wenigſten begriffen worden zu ſeyn, wie das Stuͤck denn auch, nach einer proſaiſchen Vorrede der Quart⸗Ausgabe, welche 1609 erſchien, nicht im Globus, dem großen Sommer⸗ theater, geſpielt wurde; ich vermuthe, daß es ſelbſt auf dem klei⸗ neren Wintertheater in Black Friars nicht iſt gegeben worden. Im Palaſte eines Großen, fuͤr den es wohl eigen gedichtet war, wurde es dargeſtellt; nach meiner Vermuthung fuͤr den Koͤnig ſelbſt, der, ſo ſchwach er war, ſo verächtlich er ſich zuweilen zei⸗ gen mochte, und ſo pedantiſch ſeine Weisheit und ſo kurzſichtig ſeine Politik erſchien, doch einen gewiſſen feineren Sinn fuͤr Poe⸗ ſie, Witz und Scharfſinn haben mußte, als die Geſchichtſchreiber ſeines Staatslebens ihm zugeſtehn wollen. Sey es alſo der Koͤ⸗ nig, oder ein Vornehmer, den wir nicht zu nennen wiſſen, genug, fur dieſen zunaͤchſt und nicht fuͤr das Publikum, dichtete Shak⸗ ſpear dieſes wunderſame Luſtſpiel. Hat er in den meiſten ſeiner Werke ſeine reiche, gewandte und gewaltſame Sprache dem Ge⸗ genſtande und den Gedanken untergeordnet, iſt im Unterbrochenen, Widerſpenſtigen, Widerſprechenden auch fuͤr den Kenner die Schoͤnheit ſeines Styles zu finden, ſo hat er hier Vers und Sprache, wie ſonſt nie wieder, recht eigentlich con amore bear⸗ beitet, er ſchwelgt im Witz und der Antitheſe, er fühlt ſich be⸗ haglich in ſeiner vollendeten Virtuoſitat.
Der Gegenſtand, der trojaniſche Krieg, um eine treuloſe ſchoͤne Frau gefuͤhrt, iſt Volks⸗Muythus, und eben ſowohl ols Rittergedicht, alte Sage wie Luſtſpiel und Parodie behandelt. Der Leſer muß den Homer und ſeine Antiquitäten voͤllig vergeſ⸗ ſen, und ſich dem Uebermuth und der fliegenden Laune des Dich⸗ ters ganz uͤberlaſſen, der in einer ernſthaften Szene den Hector ruhig vom Ariſtoteles ſprechen läßt, der eben ſo wie Troja zum Sprichwort geworden war; denn es hieße wohl auf den Dichter hinein ſuͤndigen, wenn man annehmen wollte, dieſe Stuͤmperei, durch welche er ſich einem antiquariſchen Goͤnner veraͤchtlich ma⸗ chen konnte, ſey ſeine baare ungeſchminkte Unwiſſenheit. Troja, wie Hector und Achilles, waren wie Amadis oder Triſtan, Gemein⸗ gut. Eben ſo folgt er den modernen Sagen der Englaͤnder und der neuern Voͤlker, die, vom Virgil begeiſtert, den ſie fruͤher kannten als den Homer, vom Hector und deſſen Brüdern abſtammen wollten; dieſer iſt der edle Held, Achilles ein meineidiger, veraͤcht⸗ licher Raufer. Und ſo parodirt mit Bewußtſeyn das Gedicht die Ritterzeit, die hohe politiſche Weisheit, welche ſich ſelber uͤberſpringt, die ſcheinbare Liebe und ſelbſt das Ungluͤck, und der Chorfuͤhrer Therſites behaͤlt fur den rohen Sinn, der eben der unverwerfliche iſt, Recht und ſchlägt das edle Gefuͤhl aus dem Felde.
S. 247. Prolog.
Weckt Trojas Soͤhnen Kampfluſt.—


