350 Maaß fuͤr Maaß. A. W.
Schließ. Verzeiht mir, guter Pater, es iſt gegen mei⸗ nen Eid.
Zerz. Schwurt Ihr dem Herzog oder ſeinem Statt⸗ alter?
Schließ. Dem Herzog und ſeinem Stellvertreter.
Zerz. Ihr wuͤrdet nicht glauben, Euch vergangen zu haben, wenn der Herzog dieß Verfahren billigte?
Aber welche Wahrſcheinlichkeit haͤtte ich dafuͤr?
Zerz. Nicht nur eine Moͤglichkeit, nein, eine Gewiß⸗ heit. Doch weil ich Euch furchtſam ſehe, und weder meine Ordenskraft, meine lautre Geſinnung, noch meine Ueberredung Euch gewinnen koͤnnen, ſo will ich weiter gehn, als ich mirs vorgeſetzt, um alle Furcht in Euch zu vernichten. Scht her, Freund, hier iſt des Herzogs Hand⸗ ſchrift und Siegel. Ihr kennt die Schrift ohne Zweifel, und das Petſchaft wird Euch nicht fremd ſeyn.
Schließ. Ich kenne ſie beide.
Zerz. Dieſer Brief enthaͤlt des Herzogs Ruͤckkehr; Ihr ſollt ihn ſogleich nach Gefallen durchkeſen, und werdet ſehn, daß er binnen zwei Tagen hier ſeyn wird. Dieß iſt ein Umſtand, den Angelo nicht weiß, denn eben heut erhaͤlt er Briefe von ſonderbarem Inhalt: vielleicht daß der Her⸗ zog geſtorben, vielleicht daß er in ein Kloſter gegangen ſey; aber wohl nichts von dem was hier geſchrieben ſteht. Seht, der Morgenſtern macht den Schlaͤfer ſchon munter. Staunt nicht zu ſehr, wie alles dieß zuſammenhaͤngt; alle Schwierigkeiten ſind leichter wenn man ſie kennt.— Ruft Eure Scharfrichter, und herab mit Bernardino's Haupt: ich will ſogleich ſeine Beichte hoͤren, und ihn fuͤr ein beßres Leben vorbereiten. Ich ſehe Ihr ſeyd noch erſtaunt; aber dieß muß Euch durchaus zur Entſchließung bringen. Kommt mit, es iſt ſchon lichte Daͤmmerung.
(Beide ab.)


