Teil eines Werkes 
Fünfter Theil (1831) Coriolanus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—

Sz. 2. Maaß für Maaß. 349

furchtlos vor Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; ohne Scheu vor dem Tod, und ein ruchloſer Moͤrder.

Zerz. Ihm fehlt Belehrung!

Schließ. Die hoͤrt er nicht an; er hat jederzeit viel Freiheit im Gefaͤngniß gehabt; man koͤnnte ihm freiſtellen zu entflichen, er wuͤrde es nicht thun. Er berauſcht ſich mehrmals am Tage: oft iſt er mehrere Tage hintereinan⸗ der betrunken. Mehr als einmal haben wir ihn geweckt, als wollten wir ihn zur Hinrichtung fuͤhren, und ihm einen vorgeblichen Befehl dafur gezeigt, es hat nicht den mindeſten Eindruck auf ihn gemacht.

Berz. Hernach mehr von ihm. Auf Eurer Stirn, Kerkerineiſter, ſtehn Redlichkeit und Entſchloſſenheit geſchrie⸗ ben; leſe ich nicht recht, ſo taͤuſcht mich meine alte Erfah⸗ rung. Indeß, im Vertrauen auf mein ſichres Urtheil will ichs drauf wagen. Claudio, fur deſſen Hinrichtung Ihr jetzt den Befehl habt, iſt dem Geſetz nicht mehr verfallen, als Angelo, der ihn verurtheilt hat. Euch davon durch eine augenſcheinliche Probe zu verſichern, bedarf es nur eines Aufſchubs von vier Tagen, waͤhrend deſſen Ihr mir eine ſchleunige und gewagte Gefälligkeit erzeigen ſollt.

Schließ. Und worin, ehrwurdiger Herr?

Berz. Indem Ihr ſeinen Tod verſchiebt!

Schließ. Ach, wie kann ich das? da mir die Stunde beſtimmt, und der ausdruͤckliche Befehl zugeſandt iſt, bei Todesſtrafe ſeinen Kopf dem Angelo vor Augen zu bringen? Ich wuͤrde mir Claudio's Schickſal zuziehn, wollte ich nur im Geringſten hievon abweichen.

Berz. Bei meinem Hidensgeluͤbde will ich Euch fuͤr alles einſtehn, wenn Ihr meiner Leitung zu folgen wagt. Laßt dieſen Bernardin heut Morgen hinrichten, und ſchickt ſeinen Kopf dem Angelo.

Schließ. Angelo ſah ſie beide, und wuͤrde das Geſicht erkennen.

Zerz. O, der Tod iſt Meiſter im Entſtellen, und Ihr koͤnnt ihm zu Huͤlfe kommen. Scheert ihm das Haupt, kurzt ihm den Bart, und ſagt, der reuige Suͤnder habe dieß vor ſeinem Tode ſo verlangt: Ihr wißt, daß der Fall haͤufig vorkommt. Wenn Euch irgend etwas hieraus erwäͤchſt, als Dank und gutes Gluͤck, bei dem Heiligen,

ich mich geweiht, ſo will ichs mit meinem Leben ver⸗ reten.