346 Anmerkungen.
die Verſchiedenheit ſeines Styls, die Veraͤnderung ſeiner Sprache, und die Mannichfaltigkeit ſeiner Abſicht durch fortgeſetztes Stu⸗ dium zu erkennen. Ein ſolches Studium aber wird und muß zu ganz andern Reſultaten fuͤhren, als die Englaͤnder gefunden haben. Es dreht ſich immer um den Einen Punkt: dieſe drey Heinriche ſind des großen Dichters unwerth, folglich koͤnnen ſie nicht von ihm ſeyn. Was wuͤrde man aber wohl von einem Kritiker ſagen, der dieſe aͤltern Gedichte beſſer als die Englaͤn⸗ der wuͤrdigend, etwa ſo räͤſonniren wollte?—„Dieſe drey Heinriche, jugendlich raſch entworfen, zuweilen ungeſchickt gear⸗ beitet, oft herbe oder ſchwer in der Sprache, zeigen im Fort⸗ gange des großen Gedichtes einen Geiſt, der mit ſeinem Gegen⸗ ſtande ſelbſt immer groͤßer und mächtiger wird, und der, mit dem wundervoll beſchließenden dritten Richard uns eine Ge⸗ ſchichtsdichtung entwickelt, in welcher durch Darlegung des Eigennutzes, der Leidenſchaft, des Stolzes und der Rachſucht ſo tlar, einleuchtend und furchtbar üͤberzeugend die Idee des Schick⸗ ſals ſich vergegenwärtiget, daß keine Litteratur ein ſo patriotiſches, edles Werk von ſo großem umfange aufzuweiſen hat, daß ſelbſt das Groͤßte und Edelſte im Shakſpear, zeige es noch ſo viel Reife, Gediegenheit und Macht, ſich im Plan wenigſtens, in der großen Conception, nicht mit dieſer vielgegliederten Ge⸗ ſchichtstragodie vergleichen laͤßt. Wie kann man alſo glauben, daß ein ſo ernſter und erhabner Geiſt etwa die Veroneſer, oder ſelbſt die Sommernacht dichten und ſich in dieſe poetiſchen Kleinigkeiten und Kindereien mit Liebe habe vertiefen koͤnnen? um ſo unglaublicher, da er die letzteren in reiferen Jahren hätte dichten muͤſſen! Nein, eine ſolche umkehrung giebt es in der Natur nicht und wir ſind gezwungen anzunehmen, da jene aͤl⸗ tern Gedichte Anfangs ohne Namen erſchienen, ein Unbekannter ſey fruͤh verſtorben, der, wenn ihn das Schickſal erhielt, dieſen mit Recht geprieſenen Shakſpeare in Zukunft weit uͤberfluͤgelt haͤtte.“—— Dieſes waͤre auch das Raͤſonnement eines Einſeitigen,
der nur dieſe Geſchichtsſtucke beſſer, als die Engländer verſtanden
haͤtte. Denn, wie kann man ſich der Ruͤhrung und Bewunde⸗
rung erwehren, wenn man in dieſem erſten Theile auch nur den Tod Jalbots und den Streit mit ſeinem Sohne lieſet! Manches iſt zu kurz abgefertigt, oder herbe behandelt, wie die Figur der Jungfrau von Orleans. Der Dichter fuͤgt ſich hier ganz dem Glauben des gemeinen Volks und dem Haß der Englaͤnder gegen dieſes Maͤdchen, das ihnen ſo großen Schaden zugefuͤgt hatte. Fe
pag. 100. Z. 9. v. u. Als Julius Cäſar oder— Die Eile des ploͤtzlich eintretenden Vothen verhindert den Schluß der Rede und die Editoren haben alſo ohne Noth Berenice hin⸗ zugefuͤgt.


