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Ihr vergeſſet, meine edlen Damen, ſagte der Cäſar, daß meine Ehre verlangt, dem Grafen von Paris ge⸗ genüber zu erſcheinen.
Sprechet mir nicht von eurer Ehre, Briennes, ſagte Anna Comnena. Als ob ich nicht wüßte, daß, obwohl die Ehre jener Ritter des Abendlandes eine Art Mo⸗ loch iſt, ein böſer Geiſt, der ſich mit Menſchenfleiſch mäſtet, und mit Blut traͤnket, doch die Ehre, welche der Götze der morgenländiſchen Krieger iſt, zwar viel Lärmen in einer Geſellſchaft macht, aber bei weitem verſöhnlicher auf dem Schlachtfelde iſt? Vildet euch nicht ein, daß ich, nachdem ich euch ſo viele Beſchim⸗ pfungen und Unbilden verziehen habe, mit der Zahlung einer falſchen Münze, wie die Ehre iſt, vorlieb neh⸗ men ſoll. Euer Verſtand muß gar arm ſeyn, wenn ihr für die Griechen nicht eine genuͤgende Entſchuldi⸗ gung finden könnt. Aufrichtig, Briennes, es mag euer Wohl oder euer Wehe ſeyn, ihr gehet nicht zu dieſem Gefechte. Glaubet nicht, daß ich meine Einwilligung gebe, daß ihr mit Graf oder Gräfin zuſammenkommt, ſey es zu einem Gefechte oder zu einer verliebten Un⸗ terredung. Alſo mit einem Worte, ihr könnt euch hier ſo lange als Gefangenen betrachten, bis die für eine ſolche Narrheit beſtimmte Stunde verſtrichen iſt.
Der Cäſar war im Grunde ſeines Herzens vielleicht nicht böſe, daß ſeine Frau ihren Willen auf eine ſo entſchiedene Weiſe ausdrückte, und ſich ſo beſtimmt gegen den beabſichtigten Zweikampf ausſprach.— Wenn
W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. röss Bochn. 7


