104. dulden, daß meine Dankbarkeit vor kindiſcher Furcht zu⸗ rückträte.“
Mit dieſen Worten ging ſie, wiewohl zögernd, auf
den Fußſpitzen in's Zimmer und ein dunkler Purpur übergoß ihre Wangen bei dem Gedanken an das, was ſie thun wollte. Endlich gelangte ſie an den Stuhl des Schlafenden und drückte einen Kuß auf ſeine Lippen, ſo leicht, als haͤtte ſich ein Roſenblatt darauf geſenkt. Sein Schlaf mußte ſehr leicht ſeyn, daß eine ſo ſchwache Berührung ihn unterbrechen konnte und Heinriches Träu⸗ me mußten mit der Urſache dieſer Unterbrechung im Zuſammenhange ſtehen, denn er erhob ſich plötzlich, um⸗ fing Katharinen mit ſeinen Armen und wollte ihr im Uebermaße ſeines Entzückens das Empfangene zurückge⸗ ben. Allein Katharina ſetzte ihm ernſtlichen Widerſtand entgegen und da dieſe mehr aus beſorgter Züchtigkeit als aus falſcher Scham zu entſpringen ſchien, ſo ließ ſie der ſchüchterne Liebhaber, der ſie, und wäre ſie noch zwanzigmal ſtärker geweſen, in ſeinen Armen hätte zu⸗ rückhalten können, ſich dieſen entwinden.
„Seyd mir nicht böſe, guter Heinrich,“ ſagte Katha⸗ rina im ſanfteſten Tone zu ihrem überraſchten Gelieb⸗ ten.„Ich habe St. Valentin ſein Recht gethan, um zu zeigen, wie hoch ich den Freund achte, den er mir für dieſes Jahr geſchickt hat. Wartet, bis mein Va⸗ ter zugegen iſt, und ich werde mich der Rache nicht entziehen, die Ihr dafür, daß ich euch im Schlafe ge⸗ ſtört, von mir zu nehmen habt.“
„Das iſt ſchon im Reinen ,“ rief der alte Glover, mit entzückter Miene hereintretend;„rüſtig Smith; das Eiſen geſchmiedet, ſo lange es heiß iſt. Lehre ſie,
was es heißt, eine Kacke zu wecken, wenn ſie ſchläft.“
Durch dieſe Worte ermuthigt, ſchloß Heinrich, wenn ſchon vielleicht mit minder gefährlichem Ungeſtüm, das ſchöne Mädchen von Perth aufs Neue in ſeine Arme und ſie ließ ſich erröthend, aber willig die Küſſe wie⸗


