Teil eines Werkes 
114. Band, Der Pirat : 5. Theil (1828) The pirate
Entstehung
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155 lichen Lage hatten Pflichten zu erfuͤllen, welche ſie nicht vernachlaͤßigten hatten eben ſo freie Gewiſſen, als

leichte Herzen, lachten, ſangen, tanzten, ſchoben die Welt bei Seite, und ließen ſie voruͤbergehen.

Aber Minna die hochſinnige, einbildungsreiche Minna ſie, die mit einer ſolchen Tiefe des Gefuͤhls

und der Schwaͤrmerei begabt, und doch vom Schickſale dazun

beſtimmt war, veide ſchon in fruͤher Jugend ſchmerzlich verwundet zu ſehen, weil ſie, bei der Unerfahrenheit einer eben ſo romantiſchen, als unwiſſenden Gemuͤthsſtimmung, das Gebaͤude ihrer Gluͤckſeligkeit auf Triebſand, ſtatt auf einen Fels gebaut hatte war ſie, konnte ſie gluͤcklich ſeyn? Leſer, ſie war gluͤcklich; denn was auch der Zweifler und der Spoͤtter dagegen ſagen mag, ſo liegt in der Erfuͤllung einer jeden Pflicht ein Grad geiſtigen Frie⸗ dens, und hohen Bewußtſeyns einer ehrenvollen Auſtren⸗ gung, welcher mit der Schwierigkeit der geloͤsten Aufgabe in Verhaͤltniß ſteht. Die Ruhe des Koͤrpers, welche auf harte und angeſtrengte Arbeit folgt, iſt nicht mit der zu vergleichen, deren der Geiſt, unter aͤbnlichen Umſtaͤnden, geukeßt. Minna's Entſagung und die fortwaͤhrende Auf⸗ merkſamkeit, welche ſie ihrem Vater, ihrer Schweſter, der betruͤbten Norna und allen denen, welche Anſpruͤche auf ſie batten, erwies, waren nicht ihre einzige und reichſte Quelle des Troſtes. Wie Norna, aber mit geregelterer urtheilskraft, lernte ſie die Geſichte der wilden Schwär⸗ merei, welche ihre Einbildungskraft angeſpannt und irre⸗ geleitet hatten, gegen eine gediegenere und wahrere Ver⸗