50 — denn Beihe leiſteten ſich gegenſeitig Handreichung bei dem Anzlehen— gewahr, wie bleich ihre Schweſter ſey, und nachdem ſie, durch einen Blick in den Spiegel, ſich uͤberzeugt hatte, daß ſie ſelbſt nicht ſo matt ausſehe, kuͤßte ſie Minna's Wange und ſagte zaͤrtlich:„Claudlus Halcro hatte wohl Recht, liebe Schweſter, wenn ſeine dichteriſche
Ueberſpannung uns die Namen Tag und Nacht bei⸗
legte.“
„Und warum machſt Du gerade jetzt dieſe Bemerkung?“ ſagte Minna.
„Weil jede von uns am kraͤftigſten zu der Tageszelt ausſieht, von der ſie den Namen hat. Ich war vor Schre⸗ cken beinghe des Todes, als ich in der vergangenen Nacht alle dieſe Dinze vernehmen mußte, welche Du mit ſo be⸗ ſonnener Feſtigkeit angehort haſt, und jetzt, wo es Tag iſt, kann ich mit Faſſung daran denken, waͤhrend Du ſo bleich ausſtehſt, wie ein Geiſt, den der Sonnenaufgang uͤber⸗ raſcht.“
„Du biſt ſehr gluͤcklich, Brenda,“ ſagte ihr Schweſter ernſt:„daß Du eine ſo wunderbare und ſchreckliche Ge⸗ ſchichte ſo bald vergeſſen karnſt.“
„Das Schreckliche,“ ſagte Brenda:„laͤßt ſich nicht ſo leicht vergeſſen; nur muß man hoffen, daß des ungluͤckli⸗ chen Weibes erhitzte Einbildungskraft, welche ſich ſo thaͤtig bei der Herbeizauberung von Erſcheinungen beweist, ihr ein eingebildetes Verbrechen untergeſchoben habe.“
„Du glaubſt alſo,“ ſagte Minna:„nichts von ihrer Zuſammenkunft bei dem Zwergſteine, jenem wunderbaren Orte von dem man ſo viel erzäblt, and der ſo viele Jahr⸗ hunderte lang fuͤr das Werf eines Daͤmons und für ſeinen Wohnſitz gegolten hat.“ 4


