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aber ſie wußte nicht, daß unter der ſchimmernden Kriegsrüſtung blos Lumpen verborgen waren. Mit den Ländern, die man eroberte, und mit den Schätzen, die man erbeutete, gewann das Land Lorbeeren und Anſehen vor der Weltgeſchichte, und ſeine tapfern Heerführer errangen Ruhm und Glanz; aber das Volk ſelbſt gewann nie Etwas; nach jeder großen Heldenthat ſtand es nur noch mehr ausgeplündert, ausgeſogen und verarmt da. Der Staat ſchritt in zwei unaufhörlich auseinander laufenden Rich⸗ tungen voran, in einer glänzenden, ſiegjubelnden, übermächtigen und herrſchenden— ſiehe da unſere Ariſtokratie!— und in einer immer ſchwächer, im⸗ mer ärmer und magerer werdenden,— ſiehe da unſere freien Grundbeſitzer. Das Regierungsproblem der Nation ging in der Bildung eines mächtigen und ſtarken Kriegerſtammes im Norden auf, mit der ge⸗ bietenden Macht der Heerführer auf der einen Seite, dem unbedingten Gehorſam und der Unterwürfigkeit des disciplinirten Soldaten auf der andern. So lernte der Adel zu befehlen, das Volk ſklaviſch zu dienen.
„Dies iſt das Bild, das ſich im Verlauf von ungefähr zwei Jahrhunderten darbietet.
„Die Staatsverfaſſung der Jahre 1719— 1720 wurde nicht weniger vom hohen Adel als vom Volk willkommen geheißen, obſchon unter entgegengeſetzten Hoffnungen, worin beide Theile ſich getäuſcht haben.
„Der hohe Adel bewillkommte ſie, weil der Rath noch immer eine vergleichungsweiſe unabhängige Stellung zu behalten hoffte; das Volk, weil es hoffte, daß die Staatsrechte hinfort gleichmäßiger vertheilt,
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