„Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin, ich kann Ihre Anſicht nicht theilen. Der Kampf der Ueberzeugung, der Meinungen und Ideen iſt auch reich an hin⸗ reißenden Momenten. Hängt nicht das Schickſal des Vaterlandes auch von ihm ab? Im Kampf mit ehrgeizigen Nachbarn ſtreiten wir für den Beſtand unſerer Nationalität, im Kampf unter uns ſelbſt ſtreiten wir für die Entwicklung dieſer Nationalität. Beſtand ohne Entwicklung ermangelt allen Werths. Will man aufrichtig den erſteren, ſo muß man eben⸗ ſo aufrichtig auch die letztere wollen. Im Uebrigen glaube ich mit Ihnen, daß das Parteiweſen, ſo wie es jetzt herrſcht, die Vaterlandsliebe ſchwächt, die Charaktere demoraliſirt, manche tugendſamen Gefühle erſtickt, kurz und gut, im Allgemeinen gerade ſo wirkt wie ein großer Verrath. Aber wenn man dies ernſt⸗ lich glaubt, ſo tritt auch die Pflicht ein, nach beſten Kräften und unerſchrocken auf eine Veränderung hin⸗ zuarbeiten. Seiner eigenen Ueberzeugung zuwider die Krebsſchäden des Vaterlands gleichgültig anzu⸗ ſehen, iſt auch eine Verrätherei, ſofern es nicht Feig⸗ heit iſt.“
Abermals zeigte ſich das ſchwarzlockige Mädchen in der Toilettenthüre; aber auch jetzt kam und ver⸗ ſchwand ſie wieder auf dieſelbe Art wie das erſte Mal. Sie beugte ſich inzwiſchen vorwärts, ſie hielt ihr Ohr hin, ſie lauſchte.
Ein ſchwarzes Seidenkleid fiel in reichen Falten um die ſchlanke Geſtalt.
„Sie urtheilen ſehr ſtreng, Gräfin. Sollte der Parteiunſinn auch Ihr gutes Herz angegriffen haben?“ „Ach nein, ich bin blos ein Weib. Meine Politik


