„Sollte es möglich ſein,“ fuhr Clara mit weit⸗
geöffneten Augen fort,„daß umgekehrt auch alle
närriſchen Leute ein Bischen verliebt ſind?“
Clara lächelte und ſchwieg ſchalkhaft.
„Antworte mir, Daniel,“ vollendete ſie dann, „liebſt Du?“
Daniel ſchlug wiederum ſeinen Blick auf und betrachtete das Mädchen. Ihre Worte durchbebten ſein Herz mit wunderſamem Klange. Noch in den Jahren, wo die Welt dem Jüngling blos in unregel⸗ mäßigen Formen vorſchwebt, hatte ihn eine Leiden⸗ ſchaft erfaßt, bei deren nächtlichen Flammen zum erſten Mal das Bewußtſein, nicht blos ſeines eige⸗ nen Gefühls, ſondern auch ſeiner eigenen Stellung, in ihm erwachte. Lange wollte er die Leidenſchaft ſich ſelbſt nicht geſtehen, noch länger trug er ſie ver⸗ borgen in ſeiner Bruſt; aber ſie wirkte immer mäch⸗ tiger und mächtiger nach außen auf ſeine Gedanken und Handlungen. So lange er ſie blos als einen unverſtandenen Seußzer in ſich trug, blühten ſo viele ſchöne Träume auf, und er genoß dabei das nur lebhaften Seelen eigene Glück, daß er immer neue Räthſel zu löſen hatte; aber kaum war er zum Be⸗ griff ſeiner Lage erwacht, kaum hatte er den Namen ſeines Gefühls erfahren, Etwas von ſeiner Tieſe und Höhe ermeſſen, als es auch mit gewaltſamem Drang losbrach, als ein heftiger Sturm, der die ſchönen Träume verheerte, ſeine Gedanken verdüſterte und ſeine Handlungen aus allen Geleiſen der Ord⸗ nung trieb. Wohl beſtand ſein höchſter Wunſch darin, den Gegenſtand ſeiner Hingebung nur ſehen zu dürfen, in ihre Nähe zu kommen, zu wiſſen, wo


