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mir? Du haſt die Erde dem Himmel vorgezogen. Gehe zum Löwen, um auf dem Richtblock zu ſterben.“
Charlotte beſaß einen raſchen Blick. Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit flog von der Bibel auf den Bruder und wieder⸗ um von dem Bruder auf die Bibel.
„Sei nicht grauſam, mein Bruder,“ antwortete ihm Charlotte.„Gott verzeiht ja, darum mußt auch Du verzeihen können. Du verdammſt meine Liebe zum Löwen?“
„Ich verdamme alle irdiſche Liebe, wir leben für ein höheres Leben, nicht für dieſes da, das aus Staub und Sünde gemacht iſt.“
Ohne ihm zu antworten, trat Charlotte zum Tiſch vor, auf welchem die Bibel lag, und ſchlug das Blatt wieder um, das er ſoeben umgekehrt hatte.
„Heuchler!“ ſagte ſie.
Der Leſerprieſter erblaßte. Ein Sturm ſchien im Anzug zu ſein.
„Entehre die Heiligen nicht!“ wies er ſie zurecht. „Wagſt Du wohl in dieſes reine Auge zu blicken?“ Er deutete auf das Medaillon.
„Schlage Deinen Blick nieder, Du Unreine, weißt Du, was es iſt, das Dir in dem ihrigen begegnet? Das iſt der Himmel. Aus dem Deinigen brennt die Hölle.“
Charlotte hörte ihn mit ſteigender Verwunderung an, und der Leſerprieſter fuhr in demſelben fanatiſchen Geiſte fort.
„Hör' doch einmal auf,“ bat ſie ihn endlich.„Mit all Deiner Unduldſamkeit vermögen Deine Lippen kein ſolches Urtheil auszuſprechen, was ich ſelbſt über mich ausgeſprochen habe. Ich komme auch voll von Reue hieher.“
„Und Deine Reue iſt tief?“
„Tief wie der Haß. Mögen beide ihren Weg neh⸗ men. Die Rache hat mich hieher geführt. Dir kann es
gleichgültig ſein, wenn Du mich nur haſt. Andere mögen


