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Der Bruder der ſchwarzen Charlotte hatte zwei Zimmer: das äußere war ein höchſt ärmlicher, aber ſehr großer und geräumiger Salon. Hier hielt er Conventi⸗ kel und empfing ſeine Schüler. Das innere Zimmer war ſein Schlafkabinet. Auch dieſes war einfach und an⸗ ſpruchslos, vielleicht mehr aus Vorſatz oder aus Mangel an Mitteln, als aus innerer Neigung.
Ueber eine aufgeſchlagene Bibel hingebeugt, worin ein Frauenzimmermedaillon lag, ſaß Dahl, ſo hieß der Prieſter, da und betrachtete wohlbehaglich die ſchönen, ſanften Züge.
„Sie muß mein werden,“ ſagte er dabei,„ſie ſoll mein werden.“
Er betrachtete wieder das Portrait.
„Welch ein ſtrahlender und reiner Blick! welche Un⸗ ſchuld und Schönheit! Die Stirne iſt aus einem Blatt von Zions Lilien gewölbt. Die Augen ſind wie Tau⸗ benaugen, die Lippen wie eine roſenfarbige Schnur, die Wangen ſind wie der Ritz am Granatapfel zwiſchen ihren Zöpfen, die Brüſte ſind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Roſen weiden. Du biſt allerdings ſchön. Deine Liebe könnte mich zu einem zweiten Salomo, mein Herz zu ſeinem hohen Liede machen.
In dieſem Augenblicke klopfte es an die Thüre.
Dahl erhob ſein Haupt. 3
„Was wollen Sie, Madam?“ fragte er.„Kommen Sie mit meinem Mittageſſen? Treten Sie da ein.“
Die Thüre giug auf, aber die Eintretende war nicht ſeine Aufwärterin, ſondern ſeine Schweſter.
Als er ſie ſah, drehte er haſtig ein Blatt in der Bibel um, ſo daß das Medaillon verborgen wurde.
Der Leſerprieſter redete die ſchwarze Charlotte nicht ſogleich an, ſondern heftete einen ſcharfen und ſtrengen Blick auf ſie.
„Verworfene,“ ſagte er endlich,„was willſt Du bei


