33
in der Schule des Leidens geprüft worden. Ich dauke Dir, Brauner, für das Zukunftsgemälde, das Du uns aufgerollt haſt. Du ſtehſt wie ein Miſſionär vor mir. Ich werde Dir auch ein Feld eröffnen, Brauner, wo Du Deine Pläne, die Deine Gedanken ſo warm beſchäftigen, frei ins Werk ſetzen kannſt. Ein großes Verbrechen iſt auf Smeſtad begangen worden; wir wollen dort, auf dem Tummelplatz des Verbrechens ſelbſt, ein Monument errichten, dadurch es geſühnt werden ſoll. Mit edlen Handlungen muß man die Erde rein waſchen, wenn ſie vor dem Himmel weiß erſcheinen ſoll. Brauner, be⸗ nütze, was das Leben Dich gelehrt hat. Vergiß nichts, nicht einmal Deine bitterſten Erinnerungen, denn auch die bitterſten enthalten eine Lehre, ein Heilmittel. Der ungerecht Angeklagte, der unſchuldig Verfolgte kennt die Gebrechen der Staatsgeſellſchaft am Beſten. Jede Unge⸗ rechtigkeit eröffnet ein Feld, das zu betreten, allerdings ſchmerzlich, das aber um nichts deſtoweniger voll von Erndten für das Nachdenken iſt. Der Gedanke hat nie mehr Schärfe, als wenn er in ein zermalmtes Herz hin⸗ abſtürzen muß. Höre mich, Brauner. Zu Deinen Plänen bedarfſt Du eines feſten Ausgangspunktes. Smeſtad ſoll dieß werden. Ich ſtelle Roman an Deine Seite; voll⸗ endet euer Werk.“
Brauner vermochte die Rührung nicht zu verbergen, die ihn ergriff, während Paul ſprach. Um ſich zu be⸗ herrſchen verbarg er das Geſicht in ſeinen Händen. Seine Bruſt hob ſich heftig, und als die Hände wieder hinabſanken, ſchien nur eine einzige Thräne über ſeine blaſſe Wange hinabzurollen. Unbewußt ſtreckte er ſeine Arme aus, ſeine Kniee wankten und ſeine Lippen beweg⸗ ten ſich, ohne daß ein Laut über ſie kam.
Roman war ebenfalls erſchüttert, beherrſchte ſich aber bald wieder und eilte vor, um den Greis zu ſtützen.
„Beruhige Dich, Brauner,“ flüſterte er.„Ach, Paul,“ fügte er dann hinzu,„ich bin überzeugt, daß Du Das Gewiſſen. V. 3


