213
Die Baronin empfand eine unausſprechliche Frude darüber. Sie hoffte nämlich, daß alle weitere Nachfor⸗ ſchungen jetzt aufhören ſollten.
Franz Kellner theilte indeß dieſe Freude nicht. Die Anſicht, die er bei Pauls Ankunft über ſeine urtheilskraft gefaßt, hatte ſich bedeutend verändert, und er zog jetzt ſeine eigenen Schlüſſe aus der Ruhe, die er zeigte. Franz Kellner würde die Baronin gern ihrem Schickſal überlaſſen haben, ſogar auf die Gefahr hin, ſeine frühere Verbindung mit ihr ſelbſt eingeſtehen zu müſſen, aber er wurde durch die Furcht zurückgehalten, möglicher Weiſe ſeinen Vater blos zu ſtellen, zumal da er nicht wußte, ob der Greis nicht noch mehr in die Sache verwickelt war, als es ſich bereits berausgeſtellt hatte.
Von dem Augenblick an, wo Gabriele ihre Tante nennen hörte, war ihre Gleichgültigkeit gegen das, was ſich um ſie her zutrug, verſchwunden.
Niemand folgte jetzt dem Gange des Geſprächs mit größerer Theilnahme, als ſie.
Als Paul ſeine Frage ſtellte, ob ſonſt Niemand die Gründe für das Benehmen der Oberſtin anzugeben wiſſe, erröthete ſie unwillkürlich.
Sie wußte ſelbſt nicht, warum ſie es that, die un⸗ glückliche Gabriele. Aber es gab eine Erinnerung, eine liebe, theure Erinnerung, die immer in ihr lebte, die auch jetzt mit neuer Kraft erwachte und mit leiſe flüſtern⸗ der Stimme ihr Herz fragte, ob es nicht möglicher Weiſe in einigem Zuſammenhang damit ſtehen könnte. So zieht des Morgens erſter Windhauch über die ſtille Woge hin und verſetzt ſie in leiſe Bewegung. So ſchwebt eine Ahnung durch die Seele und weckt ſie mit milden Flügel⸗ ſchlägen eines Engels zum Leben.
Gabriele beantwortete Pauls Frage nicht, aber ſie⸗ erhob ihr Haupt noch höher.
——


