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mit der Rache des Himmels heimgeſucht wird, nicht in der koͤrperlichen Handlung, ſondern in den Gedan⸗ ken des Suͤnders liegt. Glaube nur, liebenswuͤrdige Phoebe, daß den Reinen alle Handlungen rein ſind, und daß die Suͤnde in unſeren Gedanken und nicht in unſeren Thaten liegt— ſo wie ſelbſt der Strahl des Tages dem Blinden dunkel erſcheint, aber von dem geſehen und genoſſen wird, deſſen Auge ihn auf⸗ faͤngt. Demjenigen, der in geiſtigen Dingen noch ein Neuling iſt, iſt vieles auferlegt und vieles verbo⸗ ten; er wird, wie die Kinder, mit Milch gefuͤttert.— Für ihn ſind die Verordnungen, Gebote und Verbote da. Aber der Heilige iſt uͤber Verordnung und Verbot erhaben. Ihm, als dem auserwaͤhlten Sohn des Hauſes wurde der Hauptſchluͤſſel zu allen Scloͤß⸗ ſern gegeben, welche ihn von dem Genuſſe der Wuͤnſche ſeines Herzens zuruͤckhalten. Auf ſo lieblichen We⸗ gen will ich Dich, theure Phoebe, fuͤhren, wo in Freude und unſchuldiger Freiheit, ſich Vergnuͤgungen vereinigen, die fuͤr den nicht Privilegirten fuͤndlich und verboten ſind.“.
„Ich wuͤnſchte gar ſehr, Sie ließen mich nach Hauſe gehn, Mr. Tomkins.“ ſagte Phoebe, die zwar den Inhalt ſeiner Lehre nicht durchſchaute, der aver ſeine Worte und ſein Betragen gleich zuwider waren. Doch fuhr er mit ſeinen verfluchten, gotteslaͤſterlichen Lehren fort, die er gemeinſchaftlich mit anderen der vorgeblichen Heiligen, angenommen hatte, nachdem er lange von einer Secte zur andern geſchwankt, end⸗ lich in den niedertraͤchtigen Glauben verfiel, daß, da die Suͤnde bloß geiſtiger Natur ſey, ſie auch nur im Gedanken beſtehe, und daß die ſchlimmſten Handlun⸗ gen denen erlaubt ſeven, die ſich zu der Stufe erboben hatten, ſich uͤber die Gebote wegzuſetzen.„So alſo, meine Phoebe,“ fuhr er fort, indem er es verſuchte, ſie an ſich zu ziehen„kann ich Dir mehr anbieten⸗ als je einem Weive dargeboten ward, ſeit dem Tage, daß Adam zuerſt ſeine Braut bei der Hand ergriff.


