Teil eines Werkes 
2. Band (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

318 Georg Volker.

nächſten Umgebung zu warnen; ſo war es von Annli nicht minder muthvoll gedacht, als ſie ſich entſchloß, dem Geliebten das Geheimniß der Eulobe zu ent⸗ decken, jenes Geheimniß, von dem wir wiſſen, daß ein theurer unvergeßlicher Eidſchwur es von Kind⸗ heit an tief in ihrer Bruſt verſchloſſen hielt, und das ſie bis dahin in heiliger Scheu vor der Mutter und ihrer Vorfahren Andenken treu bewahrt hatte, wie kein zweites in der Welt.

Aber was ihr bis dahin ſo leicht gefallen, was ſich ſo innig mit ihrem ganzen Gemüthsleben verwebt hatte, daß ein Verrath an der Eulobe Geheimniß ihr faſt nicht anders vorkam als ein Verrath am Himmel ſelbſt; das Alles erſchien ihr, nun ein an⸗ deres noch höheres Geheimniß als jenes, an welches ſich die ſchauerliche Tradition von dem Unglück ihrer Voreltern knüpfte, voll lichter Offenbarungen und ſeligen Glückes in ihr Herz eingezogen war: das Alles, ſagen wir, erſchien ihr nun plötzlich in einem an⸗ dern Weſen; und ſo ſchnell vollendete die Liebe in ihrem Innern den Uebergang der Seele aus einer dämmernden Gefühlsmyſtik zum klaren Bewußtſein der edlen ſchönen Weiblichkeit, daß es ihr ſchon nach wenigen Tagen als ein Frevel erſchien, ein Geheim⸗

niß vor Georg zu haben, deſſen Enthüllung ihr früher