dieſer Tracht, obgleich es Werktag war, zu einem Kirch⸗ gang gekleidet.
Die Erſcheinung der trauernden Alten an dieſer Stelle und am kalten Decembermorgen erweckte Ernſt's Neugierde; ſie merkte indeſſen ſeine Anweſenheit erſt, als er ihr von oben einen guten Morgen zurief, wor⸗ auf er ſchnell durch den tiefen Schnee am ſteilen Weg⸗ abhang hinunterkletterte und ihr nahte.„Was fehlt Euch, liebe Frau?“ fragte er in mitleidigem Tone. „Ihr weint da am Kreuz, das der Schnee bedect, und denkt in Euerer Trauer nicht an Euer Alter in der eiſigen Kälte.“
„Ach, Herr!“ erwiderte die Bäurin und trocknete ſich mit der ſchwarzen Taffetſchürze die Augen.„Grad' an mein Alter dacht' ich eben, wie ich vor dem Kreuz⸗ chen ſtand, und daß ich ſo großes Herzeleid noch in meinen alten Tagen erleben muß.“—„Hat etwa das Kreuz da für Euch eine beſonders traurige Bedeu⸗ tung?“ fragte Ernſt weiter.—„Freilich,“ antwortete ſie ſchwer ſeufzend.„Der Herr iſt wohl fremd im Vogelsberg, ſonſt müßt' Er ſicherlich die Geſchichte vom Tannenſchütz wiſſen, von der eben die Leute weit und breit reden.“—„Ich kenne die ſchreckliche Ge⸗ ſchichte,“ ſagte Ernſt;„auch bin ich keineswegs ſo fremd im Vogelsberg, wie Ihr meint. Selbſt den
Konrad Wahl und den Heinrich Falk kenne ich perſönlich.“ 6


