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Der Tannenschütz : Weihnachts-Novelle für 1851 / von Otto Müller
Entstehung
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liche Beben der Schuld, die noch ungeſühnt am Ort ihrer Miſſethat der Vergeltung harrt, tönte das Ge⸗ räuſch in ſein Ohr und unwillkührlich drängte ſich ihm der Gedanke auf, ob wohl der Mörder noch am Leben und welcher Art ſein Seelenzuſtand ſeyn möge, wenn er jetzt an Ernſt's Stelle ſtehen und das alte Zeugniß ſeiner Miſſethat erblicken würde. Nahe lag dieſer Be⸗ trachtung die weitere pſychologiſche Frage: Wo ein Menſch, der ſo ungeheure Schuld auf ſeine Seele geladen, zwanzig Jahre lang die moraliſche Kraft her⸗ nimmt ſie zu tragen, ohne auch nur ein einziges mal in Verſuchung zu gerathen, ſein Herz durch ein frei⸗ williges Geſtändniß von dem furchtbaren Drucke zu befreien und ſo das unſelige Geheimniß von ſich abzu⸗ ſchütteln? Es iſt nicht möglich, kein Lebender erträgt ſo etwas! rief eine Stimme in ihm; und doch, wie viele Beiſpiele bezeugten ihm nicht das Gegentheil! Hat doch auch das Bewußtſeyn der Schuld ſeine ſchauerliche Gewohnheit und verhärtet zugleich mit dem Herzen, bis ihm die eigene That fremd wird und mit der dunkeln Angſt auch der Reue milde Regung abſtirbt.

In dieſem Augenblick brach die Sonne in den ſchattigen Hohlweg herein und legte ſich hell und breit über die Mordſtelle; oben auf dem wilden Birnbaum am Abhang der Erdwand ſang ein Buchfink ſein fröhlich Morgenlied in die Lüfte und im Thale unten.