Teil eines Werkes 
2. Band (1861)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

284

Mein armer alter Pfarrer! rief Brandenſtein erſchüt⸗ tert.Er hätte keine Ruhe im Grabe, wenn es mir nicht gelänge, dem unglücklichen Sohn ſeinen letzten Segen münd⸗ lich zu überbringen! O Herr Geheimerath, wenn es Ihnen daher irgend möglich iſt, ſo machen Sie bei mir eine Aus⸗ nahme; der Fürſt ſelber würde gewiß gnädig d'rüber hin⸗ wegſehen, erführe er die Urſache davon.

Hätten Sie den erlauchten Herrn heute morgen ge⸗ ſehen, wie ich ihn ſah, Sie würden anders urtheilen, lieber Brandenſtein, entgegnete der Leibmedikus mit großer Be⸗ ſtimmtheit.Und daß Roderich ſogar ſpäter noch in einer unbegreiflichen Verblendung um eine Audienz nach⸗ ſuchte, das hat gewiß dem Faß vollends den Boden aus⸗ geſchlagen!

Hier wurde das Geſpräch durch die Ankunft Bebra's und des Regierungsraths unterbrochen; beide Herren kamen

direkt aus dem Schloſſe von dem Regenten, und die Nach⸗ richt, welche ſie überbrachten, war eben ſo außerordentlich wie der Fall, um den es ſich hier handelte. Dieß verrieth auch die große Aufregung, in welcher ſich Beide befanden. Roderich ſollte nämlich, ſo lautete des Fürſten neueſte Entſchließung, punkt eilf Uhr in der Nacht von Helmroth und drei Gardiſten in einer verſchloſſenen Chaiſe in den deutſchen Nachbarſtaat gebracht und dort ſofort auf freien Fuß geſetzt werden; außerdem ſollten ihm ſeine ſämmtlichen Effekten nach einer, durch einen beſonders hierzu ernannten Hofkommiſſär vorgenommenen genauen Unterſuchung, dahin nachgeſchickt werden. Was aber das Merkwürdigſte an dieſer unerwartet milden Sinnesänderung des Regenten war, das erfuhren Brandenſtein und der Leibmedikus erſt nach dieſer Mittheilung. Die Nachricht von dem Tode des alten Vaters Roderich's hatte auf den Fürſten einen ſo

tiefen Eindruck gemacht, daß er nach kurzem Nachſinnen