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Herr Geheimerath, die ihr, ſo Gott will, nicht verloren gehen wird,“ entgegnete der alte beſcheidene Militär, wäh⸗ rend ihn der Leibmedikus unter großer Artigkeit in ſeine Arbeitsſtube nöthigte.
„Ja, ja, eine wahrhaft tragiſche Geſchichte, ganz wie für unſere Reſidenz zugeſchnitten!“ fuhr der Geheimerath, nachdem er Brandenſtein zum Sitzen genöthigt hatte, leb⸗ haft erregt fort.—„Unter uns geſagt, es hat heute Morgen drüben im Schloſſe ſchon furchtbare Szenen gegeben. Die Prinzeſſin iſt außer ſich vor Jammer und Verzweiflung über die Entdeckung ihres Fluchtplanes und wer weiß, über was ſonſt! Aber unſeres fürſtlichen Herrn Wille ſteht feſt und den erſchüttert im Punkt der unantaſtbaren Hoheit ſeines Hauſes keine Macht der Erde. Die Prinzeſſin wird und muß ſich in das Unabänderliche finden— ebenſo wie Der droben!“ fügte er mit einem heftigen Ruck auf dem Stuhle hinzu.„Denn einen Steckbrief kann weder eine Prin⸗ zeſſin noch eine Bürgerstochter ihrem Liebhaber vergeben!“
„Führen Sie mich zu Herrn Roderich, wenn ich bitten darf,“ ſagte Brandenſtein dringend.—„Das Schickſal, welches ihn verfolgt, iſt ein ſo außerordentliches, daß ihm gewiß jetzt, wo Alles auf ihn einſtürmt, der Segen ſeines alten Vaters zur guten Stunde kommt.“
„Darf nicht, darf nicht, mein Beſter!“ entgegnete der Leibmedikus abwehrend und verlegen.—„Einmal iſt ſein Gemüthszuſtand ein ſo deſolater, daß ihm dieſe Nachricht möglicherweiſe den Tod geben könnte; und zum Andern iſt es der ſtrenge Befehl Seiner hochfürſtlichen Durchlaucht, daß ich Niemand zu ihm laſſe. Wie ernſtlich es aber dem Fürſten mit dieſem ſeinem allerhöchſten Willen gemeint iſt, mögen Sie daraus entnehmen, daß drüben im Bedienten⸗ zimmer drei in Zivil gekleidete Gardiſten die ſtrengſten Ordres
haben, Niemand die Treppe hinaufzulaſſen.“


