Teil eines Werkes 
2. Band (1861)
Entstehung
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277 und daß gerade die bedeutendſten Ideen über Schuld, Strafe und Menſchenveredelung auf Erfahrungen und Ein⸗ drücken beruhten, die er ſelber in früheren Jahren an un⸗ mittelbarer Quelle geſammelt habe.

In ſeinem gewöhnlichen dunklen Magiſterkleid, den kleinen runden Hut tief in die Stirne gedrückt und die ſchwarzlederne Kabinetsmappe mit dem Manuſkript unterm Arme, begab ſich Roderich gegen drei Uhr Nachmittags in das Schloß. Der Weg dahin führte ihn durch die belebteſte Straße der Reſidenz, es begegneten ihm daher viele Leute, die ihn kannten. Bald fielen ihm die verwunderten und neugierigen Blicke auf, womit ihn Dieſer und Jener be⸗ trachtete; er ſah, wie man ſogar ſtehen blieb um ihm nach zublicken, während andere, im Geſpräche auf dem Trottoir zuſammenſtehende Perſonen bei ſeinem Anblick wie beſtürzt auseinanderwichen und ihn mit allen Zeichen des Staunens beim Vorübergehen anſahen. Während er ſonſt auf dieſem Gange von allen Begegnenden faſt ohne Ausnahme mit Ehrfurcht begrüßt wurde, griffen heute nur Einzelne flüchtig an die Hüte, wogegen die Meiſten, wie wenn ſie ihn nicht ſähen, ohne Gruß vorübergingen.

Als er in den Schloßhof eintrat, ſtand gerade eine Gruppe von Offizieren und Hofbeamten dort beiſammen. Auch hier wandten ſich bei ſeinem Erſcheinen ſogleich alle Augen verwundert auf ihn; aber keiner der Herren erwie⸗ derte ſeinen Gruß, vielmehr glaubte er deutlich in einzelnen Mienen Spott und Schadenfreude zu leſen. Roderich warſ einen ſcheuen Blick hinauf nach den Fenſtern der Prinzeſſin: alle Gardinen waren geſchloſſen, nur am Fenſter des Schlafkabinets ſtanden zwei Damen, in denen er die Frau Landgräfin ſelber und die Oberhofmeiſterin erkannte. Von einer tiefen Angſt über alle dieſe ſeltſamen Wahrnehmun⸗ gen ergriffen, ſchritt er die äußere Hoſtreppe hinan; im