Zeit die Prinzeſſin mit der Kammerfrau eintraf und zwei Wagen mit Pferden zur gemeinſamen Weiterreiſe nach Albert's Pfarrdorfe bereit ſtanden, erfahren ſollte, daß man nicht mehr in die Reſidenz zu den fürſtlichen Verwandten zurückkehren werde.— Alle Effekten, Bücher und Papiere, die man ſpäter nachkommen laſſen wollte, ſtanden bereits in verſchloſſenen Kiſten gepackt und mit dem Wappenſiegel und der Adreſſe der Prinzeſſin verſehen, in der hinterſten Kammer; nur das gewöhnliche Empfangzimmer zeigte noch die frühere Ordnung.
War es jene Zuverſicht, welche die Nähe einer bevor⸗ ſtehenden entſcheidenden Lebenswendung zuweilen gerade ſolchen Perſonen einflößt, die ſonſt jeder noch ſo kleine Entſchluß große hypochondriſche Bedenken und Sorgen koſtet; oder lag dieſem Schritt eine tiefer berechnete Abſicht zu Grunde: genug, Roderich faßte den Vorſatz, am Tag vor ſeiner Abreiſe, die auch für die erlauchte Fürſtenfamilie ſo verhängnißvolle Folgen haben ſollte, ſich noch einmal zur gewohnten Nachmittagsaudienz bei dem regierenden Herrn einzufinden und ganz ſo unbefangen wie ſonſt mit dem trefflichen Fürſten ſeine Ideen über einzelne Fragen der Politik oder der Landesverwaltung auszutauſchen.
Wir erinnern uns noch aus ſeinem letzten Geſpräch mit dem Oberjägermeiſter, daß ihn der Fürſt einige Zeit zuvor zum ſchriftlichen Entwurf einer Reform des Gefäng⸗ nißweſens aufgefordert hatte. Dieſe Aufgabe hatte Ro⸗ derich ſelbſt noch unter den Aufregungen und erſchüttern⸗ den Eindrücken der letzten Wochen eifrig beſchäftigt, und mit großer Klarheit und tief in das Weſen dieſer wichti⸗ gen Humanitätsfrage eindringender Verſtandesſchärfe hatte er dieſelbe zu löſen geſucht. Es war eine Meiſterprobe von philoſophiſcher und publiziſtiſcher Befähigung; eine Arbeit, die dem Kenner des Menſchenherzens ebenſo große


