Teil eines Werkes 
2. Band (1861)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

lähmte. An der Tafel ſah man nur lange, wie mit Per gament überzogene Geſichter; die leckerſten Gerichte, die köſtlichſten Weine blieben unangerührt; man flüſterte nur mit gedämpften Stimmen, und ein unverſehenes Stuhlrücken, ein plötzliches Huſten oder Räuſpern machte alle Hoſchargen vor Schreck auffahren.

Nach jenem Geſpräche mit dem Regierungsrath hatte ſich Roderich mehrere Tage lang vor Niemand als ſeinem Eleven und den wenigen, zu deſſen Dienſte gehörenden Per⸗ ſonen ſehen laſſen, korreſpondirte aber dafür noch lebhafter als ſonſt mit der Prinzeſſin, ſo daß dieſes beſtändige Ab⸗ und Zugehen der Hoflakaien von gewiſſen aufmerkſamen Per⸗ ſonen bald bemerkt wurde. Es hieß, der Herr Informator ſeien unpaß und hüteten in Folge davon das Zimmer.

Noch hatte er keine Ahnung von den über ihn und ſein vergangenes Leben in der Stadt und bei Hofe umgehenden verhängnißvollen Gerüchten; vielmehr muß er ſich, wie wir ſogleich ſehen werden, auch jetzt noch mit der Hoff⸗ nung geſchmeichelt haben, daß die über ſeinem Haupte ſtehende ſchwarze Gewitterwolke ihn nicht mehr an ſeinem jetzigen Aufenthaltsort erreichen werde; denn nur noch eine Nacht brauchte er hinter ſich zu haben, und der rettende Tag war da, der ihn für immer mit der Geliebten und dem Prinzen aus einer Stadt ſollte ſcheiden ſehen, in welcher er im Verläufe weniger Monate das ganze furcht⸗ bare Schickſal ſeines vergangenen Daſeins noch einmal hatte durchleben müſſen. Unbemerkt waren auch von ihm alle Vorkehrungen zur Abreiſe getroffen worden; nur der treue Kammerdiener war in das Geheimniß eingeweiht, in⸗ dem dieſer mit ihm und dem Prinzen unter dem Vorwand einer Schlittenfahrt Nachmittags die Stadt verlaſſen und letzterer erſt auf der nächſten Poſtſtation, wo zu gleicher