Abhängigkeit ein ſo inneres Genügen zu finden, als ob ſie darin einen Erſatz für den traurigen Vorzug finden wolle, immer nur Andern zu befehlen und ſich von einer willen⸗ und charakterloſen Augendienerei um jeden, auch den leiſe⸗ ſten Wunſch beſtohlen zu ſehen. Dagegen widerſprach ihr der einzige Roderich in einer ſtets ſich gleichbleibenden kalten Ehrfurcht häufig ſo entſchieden, daß Serena ſich davon ſchon um ihrer ſelbſt willen verletzt fühlte; denn ſie ſah in dieſem trockenen, rückſichtsloſen Magiſterton einen Mangel an jenem natürlichen Zartgefühl, an jener Schonung im Umgang mit Frauen, die wir mit Recht bei einem Manne als das untrügliche Zeichen einer guten und gebildeten Jugenderzie⸗ hung betrachten, und die das ſpätere Leben bei noch ſo reichen ſonſtigen Kenntniſſen und Erfahrungen ſo wenig lehrt, als das Einmaleins oder das Vaterunſer.—
Mehr und mehr kam Serena durch ſolche Beobachtun⸗
gen, ohne daß ſie denſelben abſichtlich nachgegangen wäre, zu dem Reſultat, daß Roderich, aus welchem unbekannten Grund es auch ſein mochte, auf die Prinzeſſin einen Ein⸗ fluß ausübe, der jedenfalls ſehr beſtimmte und Beiden ſehr klare gegenſeitige Beziehungen vorausſetzte.— Wußte er vielleicht um das Geheimniß von Aureliens Liebe und hielt allein durch dieſes feſte Band ihren ſonſt ſo willensſtarken ſelbſtändigen Charakter in ſolcher Abhängigkeit?— Oder war es, wie die Prinzeſſin ſie mitunter ahnen ließ, ſeine bedeutende geiſtige Perſönlichkeit, der ſie ſich freiwillig un⸗ terordnete?— Man weiß es ja, daß es auch ſtarke und ſelbſt recht individuell ausgeprägte Frauencharaktere gibt, die in einem räthſelhaften Widerſpruch ihrer innerſten Natur aus einer momentanen Anwandlung von Laune oder Re⸗ ſignation ein Gefühl, eine Neigung einſeitig und hartnäckig
in ſich heranbilden, die zu ihrem ganzen ſonſtigen Gemüths⸗ leben im entſchiedenſten Gegenſatz ſteht.


