Vielleicht war es dieſe richtige, von einem geſunden Inſtinkt ihr eingeflößte Kenntniß der Menſchen,— was die Prinzeſſin an dem neuen Wohnorte bewog, anfangs unter dem Scheine der vergnügungsſüchtigen, nach Glanz und Huldigung begierigen Weltdame ihr tieferes Weſen zu ver⸗ hüllen; und vor Allem, während ſie ſelbſt mit klugen Augen ihre Umgebung ſtudirte, für ihre künftige Stellung in dem neuen Leben ſolche Anhaltspunkte zu gewinnen, die es ihr nach und nach möglich machten, aus der angenommenen Rolle unbemerkt wieder zu ihren natürlichen Neigungen zu⸗ rückzukehren.— Aeußere Umſtände kamen ihr hierbei, wie wir ſchon ſahen, trefflich zu ſtatten; ſie beherrſchte noch ſchneller, als ſie wohl ſelber vermuthet hatte, die Stimmung bei Hofe, und hatte glücklich das früher ihr eigenthümliche Son⸗ derlingsweſen durch ihr neueſtes Benehmen aus dem Ge⸗ dächtniß der meiſten Leute verwiſcht. Man beurtheilte ſie jetzt nur noch nach dem Eindruck, den ihre von Frohſinn und Triumphen ſtrahlende Erſcheinung hervorgerufen hatte; aber ihr Plan, kein ihr bisher theueres Herzensbedürfniß dem neuen Zuſtand zu opfern, war doch erſt völlig gelungen, als Serena in allem Zauber jugendlicher Schönheit und Anmuth in den Kreis ihres Lebens eintrat.
Das in einer verſchwiegenen unſchuldvollen Liebe glühende Herz der jüngeren Freundin wurde für Aurelie das keuſche Heiligthum, in welches ſie ſich mit ihrem eignen Glück vor den Augen der Welt hineinflüchten durfte; denn was hätte ſie noch an dem holden liebenswürdigen Weſen miſſen ſollen, um ſeiner treueſten Hingebung verſichert zu ſein, als die Gewißheit, daß auch Serena liebe?— So machte das gleiche reizende Geheimniß, welches Beide eingeſtandener⸗ maßen im Buſen trugen, ihre Freundſchaft nur um ſo inniger; und bei unſerer Kenntniß von dieſen zwei ſo ganz für einander geſchaffenen Seelen dürfen wir nicht daran


