Abgeſehen von ſeiner Stellung als Erzieher ihres ein⸗ zigen Sohnes, an dem ſie mit der größten Mutterzärtlich⸗ keit hing, ohne doch jemals ein Wort in ſeine Erziehung mitzuſprechen, war es bald bei Hofe und in der Reſidenz bekannt, daß Roderich einen großen Einfluß auf ſie aus⸗ übe und ſein Rath in allen wichtigeren Fällen ihre Ent⸗ ſchließungen beſtimmte. Er durfte jederzeit unangemeldet bei ihr eintreten, und wiewohl er mit dem Prinzen nicht im Schloſſe wohnte, war doch ihr Verkehr ein ſehr leb⸗ haſter, und ein Diener mit einer verſchloſſenen Mappe, wozu Beide beſondere Schlüſſel hatten, lief oft zehnmal des Tages aus dem Schloß in das Demannſſche Haus und von da wieder zurück in's Schloß. Ebenſo wußte man, daß ſie es allein durch ihren entſchloſſenen Widerſtand durchgeſetzt hatte, daß der Prinz nicht, wie es in der an⸗ fänglichen Abſicht ſeines fürſtlichen Herrn Vormunds ge⸗ legen, einen adeligen Gouverneur erhielt, ſondern nach wie vor der Leitung und Aufſicht ſeines ſeitherigen Erziehers ausſchließlich überlaſſen blieb.
Bis in's Kleinſte galt in Beziehung auf ſeinen Eleven Roderich's Wille als oberſtes Geſetz; ja, er beſtimmte ſelbſt die Stunden, in welchen der Prinz bei ſeiner Mutter oder bei der Frau Landgräfin verweilen durſte. Von den Söh⸗ nen angeſehener Familien, welche die Letztere allzu voreilig nach eigenem Gutdünken zu Geſpielen ihres geliebten Groß⸗ neffen ausgewählt hatte, wies der Informator ſchon am nächſten Tage ohne viele Umſtände zwei aus der Geſellſchaft des Prinzen wieder fort, und ſelbſt die ärztlichen Vorſchrif⸗ ten, welche der Geheimerath von Demann ertheilte, mußten zuvor Roderich's Beiſtimmung erhalten.— Einſtmals ſchenkte die Frau Landgräfin ihrem kleinen Liebling ein ſchönes Puppentheater mit allerliebſten Marionetten, das ſie früher ihren eigenen Prinzen in dem gleichen Alter von einem ge⸗


