friſche Luft zu ſchöpfen. Ihr alter großer Ros⸗ marinſtock, von dem ſchon ihre ſelige Mutter einen Zweig mit in das Grab genommen hatte, und den ſie darum als ein theures Vermächtniß ſtets mit größter Sorgfalt pflegte, hatte eben zum Zweitenmal in dieſem Jahr ſeine kleinen, blaßgelben Blüthen angeſetzt, und ſtrömte ihr, als ſie das Fenſter öffnete, einen wahren Rauſch von Duft und Würze entgegen. Da fiel ihr ſo⸗ gleich wieder der Franz ein, denn ſchon damals, wie noch heutzutage, war es in dieſer Gegend Sitte, daß die Bräute am Vorabend ihres Hoch⸗
zeittages den ſchlankſten Zweig des Rosmarin⸗
ſtocks abſchnitten und aus ihm und den Schilf⸗ blättern des türkiſchen Graſes einen Strauß banden, von welchem ſie nach geſchehener Trau⸗ ung den Rosmarinzweig in die Erde ſteckten, bis er Wurzel anſetzte, was ihnen eine glückliche Zukunft bedeutet. Auch der alte Rosmarinſtock vor dem Fenſter der Marillis verdankte dieſer ſchönen Sitte ſeinen Urſprung; ihre Mutter hatte ihn einſt als Braut an dem Buſen ge⸗ tragen und ihn dann mit einem Fruchtkorn in den Topf gepflanzt, wo er bald nachher Wurzel ſchlug, im Lauf der Jahre zum ſtattlichen Baume


