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Schickſale bei dem Einen wie beim Andern nicht gedacht werden konnte ohne die gewiſſe Ueberzeugung, daß beide Geſchwiſter den unglücklichſten Verhängniſſen entgegen ge⸗ gangen ſein würden, Kämpfen und Leiden, für deren end⸗ lichen befriedigenden Ausgang nach menſchlicher Berech⸗ nung Niemand die Bürgſchaft übernommen hätte.— Die Eine mit ihrem Herzen, der Andere mit ſeinem moraliſchen Gefühl in unlösbarem Conflict mit des Lebens rechten und falſchen Anſichten, mit der Wirklichkeit beſtehenden und gebietenden Ordnungen— wo hätte da noch ein anderer Ariadnefaden als der, welchen die Parze ſpinnt und zerſchneidet, aus ſolchem Labyrinthe leiten können?
So faßten nicht nur Ludwig und Eliſabeth, ſo faß⸗ ten alle näheren Freunde der beiden Geſchwiſter dieſen ſchnellen gemeinſamen Tod als die einzige noch übrig
gebliebene Verſöhnung mit ihrem Schickſal auf; aber
unſere Liebenden giengen noch einen Schritt weiter; ſie erblickten zugleich in dieſem Heimgang der ihren Herzen ſo nahe ſtehenden theueren Menſchen den Wink einer höheren Abſicht, welche nicht blos das dunkle und gänz⸗ lich unentwirrbar ſcheinende Menſchenverhängniß ſchließ⸗
lich doch noch zum Heile derer löſt, die davon zunächſt
berührt wurden, ſondern die auch den Zurückbleibenden in den verſöhnten Schatten Jener zwei Genien ſchenkt, die ihrem eignen Glücke immerfort ſchirmend und ſeg⸗
nend zur Seite ſtehen werden. — Müller, der Kloſterhof. III. 16


