blutenkel ritterlicher Ahnen für eine unverzeihliche Malhabileté gegen den Bonton und den grand air de famille angerechnet hätte.
Was dabei allein auffallen mußte, war der Wider⸗ ſpruch, in welchen die Geheimeräthin mit ſich ſelber über Das gerieth, was ſie ſonſt für Wohlanſtand und feine Decenz erklärte, ſie, die in ihren ſtrengen, an Ziererei grenzenden Anſichten ſo weit ging, daß ſie auf ihrem Liebhabertheater den Spielenden jede Berührung mit den Händen als anſtandswidrig verbot und die zärtlichſte Annäherung auf drei Schritte Diſtance be⸗ ſchränkte!— In Scenen, worin ſich Verliebte zu umar⸗ men hatten, wurde dies höchſt ſinnreich dadurch ange⸗ deutet, daß Beide zwar gleichzeitig mit den Armen die Bewegung des zärtlichen Embraſſements machten, dem⸗ ungeachtet aber doch nur die leere Luft an ihre ſtürmiſch pochenden Herzen drückten; und wo ſich zwei Liebende
küſſen ſollten, hatte die zartfühlende Muſe von Gotha das glückliche Auskunftsmittel gefunden, daß ſich die Ueberglücklichen in Berückſichtigung des Wohlanſtandes mit den Fingerſpitzen Küſſe zuwarfen und unter einem Wonnerauſch von glühenden Kußhänden einander ewige Treue gelobten. Und doch hatte die nämliche Dame nichts dagegen ein⸗


