249
und die eigene Kindheit mit allen jenen ſtürmiſchen Gemüthserſchütterungen, welche durch Frau Trenners heftiges und leidenſchaftliches Temperament hervor⸗ gerufen worden waren, trat ihrer Erinnerung nahe. Dora's Worte hatten eine Saite in Helenens Seele angeſchlagen, welche laut und ſcharf nachklang. Sie erinnerten ſie an die Pflichten gegen ihre Tochter, und ſie fragte ſich ſelbſt, ob ſie dieſelben getreulich erfülle, wenn ſie ſich nur beſinnungslos ihrem eige⸗ nen Schmerz überließe. Es brannte Helene in dem empfindlichen Herzen, wenn ſie denken mußte, daß ſie aus Selbſtſucht und um deſſen willen, was ſie litt, ihr Kind verſäumte.
Dora war inzwiſchen mit der Kleinen an den Strand gegangen, und bald ertönte Ellens munte⸗ res Gelächter und Dora's freundliche, gutherzige Stimme.
Helene dachte: 5
„Ich muß, ich muß meinen Schmerz unterdrücken und mit einem fälſchlichen Lächeln meine Rolle bei dem Kinde ſpielen, damit nicht bei meiner Beküm⸗ merniß ſeine Freuden erbleichen.— O! dieſes elende Leben, wo Alles Lüge iſt. Soll ich niemals in der Welt eine Bruſt finden, an welche ich mit Vertrauen mein Haupt lehnen kann? Soll mein Leben ewig eine Unwahrheit und eine Kette von Verſtellung blei⸗ ben?— Verſtellung vor meiner Mutter, aus Furcht, ihr zu mißfallen; Verſtellung vor meinem Mann, aus Furcht, ſeine Eiferſucht oder ſeinen Zorn zu wecken; Verſtellung vor meinem Kinde, aus Furcht,
ſein Leben zu verbittern. Bin ich verurtheilt, von


