Teil eines Werkes 
1. Band (1863)
Entstehung
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nie mehr die Augen ihrer Mutter voll Zärtlichkeit auf ſie gerichtet ſehen würde.

Im Uebermaaße ihres Schmerzes ſank das junge Mädchen auf die Kniee nieder und betete, während ihr Körper unter heftigem Schluchzen erbebte. Thrä⸗ nen der Verzweiflung bahnten ſich den Weg über ihre bleichen Wangen. Dieſe Thränen waren die erſten, weſche ſich einſtellten, um dem Kummer, der in des armen Mädchens Bruſt hauste, einigermaßen Luft zu machen..

Emy betete, betete zu Gott, daß er Erbarmen mit ihr habe, daß er ſie nur noch einmal die Stimme ihrer Mutter, ihr Muth und Troſt einſprechend, hören laſſen möge. Ach, Emy wäre ſo gern geſtorben, wenn es ihr vergönnt geweſen wäre, noch zuvor in ihrer Mutter Auge zu blicken, ihr Haupt an deren Bruſt zu drücken, und an deren Herzen ihren gren⸗ zenloſen Schmerz auszuweinen.

Und als ob der Allgütige Mitleid mit dem armen Mädchen gehabt hätte, welches jezt zum erſten Mal von einer harten Prüfung heimgeſucht wurde, ließ ſich in dieſem Augenblick Ebbals Stimme, aber ſchwach und mild wie Abendſäuſeln, vernehmen.

Emy, mein unausſprechlich geliebtes Kind, weine nicht, ſondern ſeze Dich an meine Seite, ich habe Dir ſo viel zu ſagen, ehe wir einen langen, ſehr langen Abſchied von einander nehmen.

Und ſie ſtreckte mit matter Bewegung ihre Hand aus.

Emy erhob ihr thränenfeuchtes Angeſich und faßte mit einem beinahe wahnſinnigen Ausdruck von Freude