Teil eines Werkes 
1. Band (1863)
Entstehung
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So waren neun endlos lange Tage verfloſſen, ohne daß das heftige Delirium ein einziges Mal ſie verlaſſen hätte, ohne daß der Arzt einige Hoffnung gab.

Emy glich einer Bildſäule, während ſie, den angſt⸗ vollen Blick auf die theuren, theuren Züge geheftet, daſaß. Keine Thräne kam, ihren Schmerz zu lindern. Von Zeit zu Zeit fuhr ein krankhaftes Zucken durch ihren Körper, und ſie ergriff dann mit convulſiviſcher

Heftigkeit die Hand ihrer Mutter und führte ſie mit

nenloſer Angſt an ihre Lippen. er neunte Tag war eben angebrochen; es war amſtagabend. Vergebens hatte der Kapitän

ſeine Tochter zu bewegen geſucht, ſich etwas Ruhe

zu gönnen; ſie weigerte ſich beſtimmt, ihre Mutter zu verlaſſen. Er ſelbſt war von Nachtwache und

Kummer ſo erſchöpft, daß er ſich in dem äußern

Zimmer auf ein Sopha warf, um in einigen Stun⸗ den Schlafes Vergeſſenheit zu ſuchen und neue Kräfte zu ſammeln. Ebba war den ganzen Nachmittag in ſtille Betäubung verſenkt dagelegen, welche der Arzt als einen Vorboten des Todes betrachtete; jezt war Emy allein an ihrer Seite und lauſchte auf den Athemzug der Schlummernden. Es war ſo ruhig, ſo lautlos um ſie her; nur das einförmige Ticken der Standuhr unterbrach die feierliche Stille.

Emy beugte ihr Haupt zu dem der Mutter herab, und während ſie ſo die Kranke anſah, verge⸗ genwärtigte ſie ſich in Gedanken ichen Freuden ihrer Kindheit, ihrer Mutter u e Liebe, ihre

milden und ernſten Lehren, und ihr Herz drohte zu

brechen bei der Vorſtellung, daß dieſe Lippen nie mehr zu ihr die Sprache der Liebe reden, daß ſi⸗