Teil eines Werkes 
1. Band (1863)
Entstehung
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gaß, daß es mir erſt in zwei Monaten vergönnt ſein wird, ihn nach einer Abweſenheit von drei Jahren wieder zu ſehen. Eine wehmüthige Ahnung drang mir in's Herz, wenn ich daran dachte, daß noch eine ſo lange Zeit in banger Erwartung zu durch⸗ leben ſei. 3.

Sie faßte die Hand ihrer Tochter undslegte ſie an ihr Herz, indem ſie mit tiefer Bewegung hin⸗ Zzuſezte:

O! wenn Du wüßteſt, wie ſchmerzlich ich dieſe lan⸗ gen und unaufhörlichen Trennungen empfunden, wie ſehr ich unter dieſer ewigen Unruhe um ſein Leben gelitten habe, ſo würdeſt Du auch verſtehen, wie grenzenlos ich Dich lieben muß, das einzige lebende Band der Vereinigung, das zwiſchen ihm und mir beſteht, wenn Land und Meer uns trennen.

Sie ſchwieg und weinte ſtill, das Haupt auf die Tochter geſtüzt.

Geliebte Mama, bin ich es, welche durch ihr Ausbleiben dieſe trübe Stimmung in Deiner ſonſt ſo ſtarken Seele hervorgerufen hat? Ich wüßte mich darüber nicht zu tröſten, ich, die mit ihrem Leben Dir jede Sorge, jeden Schmerz erſparen möchte.

Nein, Emy, es iſt nicht Dein Ausbleiben, ſon⸗ dern einer von jenen Augenblicken, wie ſie jeder Menſch einmal erfährt, wenn er in Gedanken die Vergangenheit durchblättert und mit banger Ahnung in die Zukunft blickt.

Als ich nach Deiner Rückkehr in den ſchönen Frühlingsabend hinausſchaute, ſtellte ſich meinem in⸗

nern Sinne mein ganzes verfloſſenes Leben dar mit

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