Teil eines Werkes 
1. Band (1863)
Entstehung
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Thräne tiefen Gefühls an ihren Augenwimpern zit⸗ ternd, da ſaß.

Endlich, nach einer langen Pauſe, wandte die Mutter ihr Angeſicht nach der Tochter herum, hef⸗ tete ihre milden braunen Augen auf dieſelbe und ſprach, indem ſie ſchmeichelnd mit der freien Hand über das glänzende, ſeidenartige Haar des jungen Mädchens fuhr, mit liebevoller und ernſter Stimme:

Glaube nicht, Emy, daß ich auf Dich böſe ſei.

Ach nein, mein Kind; es war mir nur ſchmerzlich, zu denken, daß Du wegen eines unbedeutenden Ver⸗ gnügens mich vergaßeſt und über Dich in Unruhe ließeſt. O! Mama, ſprich nicht ſo, bat Emy, und Thränen rannen ihr über die Wangen, während ſie mit Heftigkeit die Hand ihrer Mutter an ihre Lip⸗ pen führte.Ich vergaß Dich nicht, es war nicht das Vergnügen, das mich die beſtimmte Zeit über⸗ ſchreiten ließ. Rein, geliebte Mama, ich brannte vor Verlangen, zu Dir heimzukehren; Du weißt ja, daß es für mich keinen liebern Platz, kein höheres Vergnügen gibt, als zu Deinen Füßen zu ſitzen. Sage, daß Du dieß weißt, daß Du es fühlſt, bat Emyund drückte ihr in Thränen gebadetes Ange⸗ ſicht an die Bruſt der Mutter.

Das habe ich auch allezeit geglaubt und bin in dieſer meiner Ueberzeugung von Winer früheſten Kindheit an glücklich geweſen; aber heute, mein ge⸗ liebtes Kind, da ich zwei Stunden voll Unruhe ver⸗ geblich auf Dich wartete, heute zweifelte ich daran, daß ich Deinem jungen Herzen genug ſei.