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Er hört noch jetzt den furchtbaren Schrei der ge⸗ quälten Mutter, und er ſieht, wie ſie vor ihm nieder⸗ kniet mit gerungenen Händen, und er hört ſie flehen mit jammernden Tönen:„Erbarmen, Erbarmen!“ Es iſt ja ihr Sohn und er iſt unſchuldig! Sie iſt Wittwe und hat elf Kinder, und dieſes iſt ihr älteſter Sohn, und er hat ſeine Studien vollendet, und ſie hoffte nun, daß er die Stütze ihrer ganzen Familie ſein ſolle. Erbarmen, Erbarmen für den älteſten Sohn! Er iſt ja unſchuldig, er kann doch nicht mit einem Verrath ſich ſelber das Leben erkaufen; er kann doch nicht ein Böſewicht werden, um ſich zu erretten!
Wie furchtbar dieſe Stimme in ihm jetzt wider⸗ klingt; er ſieht die Mutter zu ſeinen Füßen liegen und ſieht, wie ſie jetzt, da er mit harten Worten ſie zu⸗ rückweiſt, ſich das Tuch an die Augen drückt und an die Lippen, um ihr lautes Schluchzen und ihr krank⸗ haftes Weinen zu erſticken. Aber es hat ihn damals nicht gerührt, nein, nicht im mindeſten! Er hat kein Erbarmen gehabt, und er hat ihr mit hartem Ton geſagt, ſie ſolle aufſtehen, es ſei genug des unnöthigen Klagens und Winſelns.
Da iſt ſie aufgeſtanden, die Frau mit dem blei⸗ chen Geſicht und mit den von Thränen überflutheten
Wangen, und da hat ſie ſich vor ihm aufgerichtet,


