— 47—
Wie ſie ſo ſprach, war ihr Antlitz ſo von dem Ausdruck innerſten Empfindens durchſtrahlt, daß ich ſie ſchön fand. Das war nicht mehr die Frau von Geiſt allein, ſondern auch die Frau von Herz und Gefühl, und ich begriff in dem Augenblick, wie ſehr ſie zu feſſeln verſtand. 3
Später hatte ſie mit der Königin eine lange Un⸗ terredung über den Kaiſer.„Warum war er ſo er⸗ zürnt auf mich?“ fragte Frau von Staël.„Er wußte alſo nicht, wie ſehr ich ihn bewunderte!— Ich will nach Elba gehen, ich will ihn ſehen! Glauben Sie, daß er mich gut aufnehmen wird? Ich war dazu ge⸗ boren, dieſen Mann anzubeten, und er hat mich zu⸗ rückgeſtoßen!“
„Ach, Madame,“ erwiderte die Königin,„ich habe den Kaiſer oft ſagen hören, daß er ein großes Ziel, eine große Miſſion zu erfüllen habe, und daß er ſeine Arbeiten mit den Anſtrengungen eines Mannes ver⸗ gleichen könne, der, immer nur den Gipfel eines ſtei⸗ len Berges vor Augen habend, dieſen mit allen Kräf⸗ ten zu erreichen ſtrebt, immer mühevoll vorwärts ſchreitet, und ſich durch kein Hinderniß auf ſeinem Wege aufhalten läßt.„Um ſo ſchlimmer,“ ſagte er, „für diejenigen, die mir auf meinem Wege begegnen, ich kann mich nicht nach ihnen umſehen.“ Sie haben ſich auf ſeinem Wege befunden, Madame, vielleicht würde er, wenn er auf dem Gipfel ſeines Berges angekommen wäre, Ihnen eine hülfreiche Hand gereicht haben.“
„Ich will mich mit ihm ausſprechen,“ rief Frau von Staöl,„man hat mir in ſeinem Geiſt geſchadet.“
„Ich glaube es auch,“ erwiederte die Königin, „aber Sie würden ihn ſchlecht beurtheilen, wenn Sie ihm Haß gegen irgend Jemand zutrauten. Er glaubte
Sie ſeine Feindin, und er hat Sie gefürchtet, was ihm


