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Aber in ihrer hoͤheren Gewalt offenbarte ſich ihm die Muſe zuerſt als Troͤſterin.
Er empfing naͤmlich die Nachricht, das Maͤdchen ſeiner Liebe ſei durch ihre Ver⸗ wandten gezwungen worden, einem Andern die Hand zu reichen. Freilich war das Ge⸗ ruͤcht zu voreilig. Da man aber zugleich den Briefwechſel der Liebenden hemmte, mußte Kleiſt wohl daran glauben. Es ging ihm, wie etwa einem Bergſchotten, der— mit der wunderbaren Gabe vorahnender Geſichte(se- cond sight) beliehen— ſein Ungluͤck um ei⸗ nige Monate fruͤher betrauert, als die uͤbrige Welt etwas davon vernimmt. Erſt ein hal⸗ bes Jahr nach der empfangenen Schmerzens⸗ botſchaft geſchah, was ſie verkuͤndigt hatte.
Eine ſchoͤnere Gefahr ſchien unſern Kleiſt zu erwarten, da der 1744 neu ausbrechende Krieg ihn in das Feld rief. Aber ſie lockte fuͤr jetzt nur noch, und floh das ihr entge⸗ genſchlagende, tapfere Herz. Die Kriegsjahre 1744 und 45 brachten ihm eben noch nicht viel mehr, als Erſchoͤpfungen und Krankheit. Er vergaß das Singen daruͤber nicht, und wer unter ſolcher Art Leiden noch dieſer ſuͤßen Ergoͤtlichkeit treu bleibt, mag gewiß unbe⸗ ſtritten fuͤr einen recht auserkornen Saͤnger gelten. Doch hatten jene truͤben Anſtrengun⸗ gen die bis dahin feſte Geſundheit des Dich⸗ ters in der Wurzel angegriffen. Verfehlte


