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ſchluchzend hinausſtürzte, der ſich in eine nahe ſte⸗ hende Poſtchaiſe warf und raſch davon fuhr. Tags darauf erſchien der Rath ſehr heiter, und niemand hatte den Muth, ihn nach der Begebenheit der vo⸗ rigen Nacht zu fragen. Die Haushälterin ſagte aber auf Befragen, daß der Rath ein bildhübſches, blutjunges Mädchen mitgebracht, die er Antonie nenne, und die eben ſo ſchön geſungen. Auch ſey ein junger Mann mitgekommen, der ſehr zärtlich mit Antonien gethan, und wohl ihr Bräutigam ſeyn müſſe. Der habe aber, weil es der Rath durch⸗ aus gewollt, ſchnell abreiſen müſſen.— In welchem Verhältniß Antonie mit dem Rath ſteht, iſt bis jetzt ein Geheimniß, aber ſo viel iſt gewiß, daß er das arme Mädchen auf die gehäſſigſte Weiſe tyrau⸗ niſirt. Er bewacht ſie, wie der Doktor Bartholo im Barbier von Sevilla ſeine Mündel, kaum darf ſie ſich am Fenſter blicken laſſen. Führt er ſie auf inſtändiges Bitten einmal in Geſellſchaft, ſo verfolgt er ſie mit Argusblicken, und leidet durchaus nicht, daß ſich irgend ein muſikaliſcher Ton hören laſſe, viel weniger, daß Antonie ſinge, die übrigens auch in ſeinem Hauſe nicht mehr ſingen darf. Anto⸗ nien's Geſang in jener Nacht iſt daher unter dem Publikum der Stadt zu einer, Phantaſie und Ge⸗ müth aufregenden Sage von einem herrlichen Wun⸗ der geworden, und ſelbſt die, welche ſie gar nicht
hörten, ſprechen oft, verſucht ſich eine Sängerin


